Todesstrassen und Magenkrämpfe

von 29. November 2017

Jetzt hat es mich auch erwischt!

Nach sechs Monaten Reisen – ja genau, wir sind tatsächlich schon ein halbes Jahr unterwegs! Wie die Zeit vergeht… – habe ich meine erste Magen-Darm-Verstimmung. Die Übeltäter waren entweder ein Fruchtsaft in La Paz oder ein Glacé. Ja ich weiss, beides sollte man meiden. Doch wie gesagt; bisher hatte ich dies alles tiptop verdaut. Und wenn man auf alles verzichtet das man meiden sollte, dann kann man hier nichts mehr essen. Nur leider spielt mein Magen dieses mal wirklich etwas hartnäckig die beleidigte Leberwurst (oder wohl eher Darmwurst?) und ist nun schon seit ein paar Tagen grummelig und verstimmt.

Na gut, vielleicht war aber auch unsere Routenwahl nicht die idealste. In Bolivien gibt es ja diese berühmte «Death Road», wo früher alle Jahre zig Leute tödlich verunfallten, weil die Lastwagen alle darüber bretterten und die engen Passagen so manch wagemutige Kreuzung erforderten. Also denkt man sich, dass man als mittlerweile erfahrene Offroader und geimpft durch etliche waaghalsige und schmale Bergpisten, diese Strasse einfach einmal im Leben gefahren sein muss. Doch genau da liegt auch der Haken. Denn heutzutage wird diese Strasse fast nur noch von Touristen befahren, denn der Schwerverkehr fährt jetzt über die neue Umfahrungsstrasse. Das gefährlichste sind nun eigentlich die Fahrradfahrer. Ganze Busladungen werden hier mit dem Bike ausgeladen, um dann über die Rüttelpiste runter zu rattern. Doch ansonsten, ohne den Schwerverkehr, ist diese Strasse per Auto schon fast langweilig. Auf jeden Fall pipifax im Vergleich zu vielen andern Strassen, welche wir schon gefahren sind (speziell in Peru).

Und genau solche Strassen haben uns dann nach dem Camino del la muerte auch noch aufgelauert. Wir waren etwas planlos drauflos gefahren und suchten uns nun den Weg in die nächst grössere Stadt, Cochabamba. Der schnellste Weg wäre zurück über La Paz gewesen, doch das fanden wir langweilig. Zudem wollte Hifi unbedingt noch durch die Yungas fahren, ein Gebiet das zur Amazonasregion zählt, weil wir uns nochmals etwas Dschungel erhofften. Weit gefehlt. Trotz gewählter «Hauptstrasse» entpuppten sich diese ca. 570 km als schmale, kurvenreiche und sehr staubige Bergpisten, wofür wir drei Tage brauchten. Und ich kann euch sagen, diese Pisten waren oft schmäler und gefährlicher als die Death Road, vor allem weil hinter jeder Kurve plötzlich ein Lastwagen oder Auto entgegen kommen kann. Sie führten uns über Berge, durch Schluchten und sogar über zwei Flüsse – ohne Brücken! Das waren wahre Flussdurchfahrten, wobei wir sehr dankbar waren, dass noch Trockensaison und der Wasserstand eher tief ist. (Die Flüsse seien nur vier Monate im Jahr befahrbar. Die restliche Zeit sind diese Regionen einfach abgeschnitten.) Wir mussten uns also den Weg durch das Flussbett suchen, denn andere Spuren gab es nur sehr wenige. Einmal fuhren wir etwas zu lange «im Fluss» abwärts, bis Hifi etwas nervös meinte, dass wir jetzt schnell wenden sollten, aber ohne anzuhalten, denn der Untergrund sei nun doch etwas sehr morastig. Zu guter letzt fanden wir den Weg ans andere Ufer, wo wir dann auch gleich an einem lauschigen Plätzchen übernachteten – mit Blick auf drei Brückenpfeiler, welche (vielleicht für immer?) auf ihre Fertigstellung warten.

Ach ja, und eine kleine Hilfsaktion gabs natürlich auch noch. Wir fuhren an einen Laster heran, wo drei Männer verzweifelt versuchten, zwei Holzmasten vom Transporter zu ziehen. Das Bäumchen am Strassenrand, welches als Anker auserkoren wurde, war schon längst ausgerissen. Also boten wir an, die Stangen mit dem Landy runter zu ziehen, was dann auch ruckzuck ging. Die Herren waren äusserst happy und einer fragte dann auch gleich noch, ob er bis ins nächste Dorf mitfahren dürfe. Wir fuhren ihn dann sogar noch einen kleinen Umweg bis zu einer Kreuzung, und er war so überrasch und happy, als wir keine Bezahlung dafür wollten (was sollen wir auch mit 2 Bolivianos, also ca. 30 Rp. anfangen?), dass er uns gleich freudig umarmte und mir einen Kuss aufdrückte zur Verabschiedung. So süss!

Ja die Bolivianer haben uns wieder etwas überrascht. Im Voraus hörten wir, dass diese Touristen gegenüber sehr reserviert und ignorant wären. Doch wir machen da mal wieder ganz andere Erfahrungen. Sie waren bisher sehr herzlich und hilfsbereit und kommen nicht selten auf uns zu und befragen uns. Zudem erlebte ich hier das erste mal, und gleich zweimal, dass mich eine Verkäuferin auf schlecht ausgewählte Früchte aufmerksam machte. Wohlgemerkt in ihrem eigenen Laden! Das finde ich also extrem höflich.

Auch sonst sind wir angenehm überrascht von Bolivien. Es liegt so gut wie kein Abfall herum! Die Häuser sind zwar oftmals immer noch unverputzt, aber dennoch viel schöner, fantasievoller und vor allem fertig gebaut. Sie haben Verzierungen, schöne Geländer, gepflegte Gärten und es ist aufgeräumt rundherum. Natürlich sind sie teilweise sehr ärmlich (wobei es durchaus auch viele stolze und sehr moderne Villen hat), aber dennoch wirkt es einfach gepflegter und liebevoller als in Peru. Ach und lustiges haben wir natürlich auch gesehen: Was macht man in Bolivien an einem heissen Sonntag? Man packt die schmutzige Wäsche und die ganze Familie ins Auto, fährt an den nächsten Fluss und veranstaltet dort eine gemeinsame Wäsche-wasch-Party. Zusammen mit duzend anderen. Herrlich!

Also bis jetzt gefällt uns Bolivien sowohl landschaftlich wie auch zivilisatorisch sehr gut. Ausser natürlich man fängt sich etwas beim Essen ein. Denn Rüttelpisten sind nicht ideale Begleiter für flaue Mägen. Die Landschaft mit Magenkrämpfen und dem Gefühl man müsse ständig… ach nein, so genau wollt ihr das gar nicht wissen…, zu geniessen, während wir über Schotterpisten holpern, war eine sehr eigene Erfahrung, auf welche ich gerne in Zukunft verzichte. Hoffen wir mal, dass sich mein Magen bald wieder mit mir aussöhnt. Ich werde in Zukunft dann auch besser darauf achten, was ich esse. Versprochen! (Zumindest bis zum nächsten feinen Fruchtsaft…)

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