Kulturschock mit Weintherapie

von | 22. Januar 2018

Eine andere Welt!

Nachdem wir nun monatelang durch die ärmsten Länder Südamerikas gereist sind und uns schon sehr anklimatisiert hatten, war der Kulturwechsel von Bolivien nach Chile fast ein bisschen ein Schock. Umso mehr, da wir uns vorher mehrere Tage alleine in der Salar de Uyuni und anschliessend auf der Lagunenroute herumgetummelt hatten. Wir genossen das Offroaden und das einsame Campen in der Wildnis.

Und dann fuhren wir nichts ahnend nach San Pedro de Atacama in Chile, wo uns plötzlich wieder die Zivilisation überrollte. SPdA ist zwar ein kleines Wüstenstädtchen, aber so was von touristisch und pulsierend! Da findet man wieder viele hübsche Cafés, kleine Handwerkerläden und man fällt nicht mehr sofort als Tourist auf – denn von denen hat‘s hunderte. Alles ist plötzlich wieder total europäisch und die Leute sprechen einem auf Englisch an. Wow, was für ein Unterschied zum restlichen Kontinent!

Dieser Eindruck blieb uns dann auch auf der argentinischen Seite erhalten. Schon nur im Aussehen besteht hier deutlich ein Unterschied und man sieht den Leuten die vielen europäischen Wurzeln an. Hier fallen wir absolut nicht auf und könnten uns locker als Chilenen oder Argentinier ausgeben. Ok, natürlich nur bis wir zu sprechen beginnen…

 

Habla Español?!

Apropos Sprache könnte man sich auch auf einem andern Kontinent befinden. Sowohl die Chilenen wie auch die Argentinier versteht man fast nicht, auch nach einem halben Jahr Spanisch tun wir uns da sehr schwer! Sie sprechen entweder extrem schnell oder so undeutlich, als hätten sie eine Kartoffel im Mund, oder beides zusammen. (Sorry Paola, aber es ist leider so! 😄) Die Endungen und generell das «S» werden in Chile verschluckt und in Argentinien spricht man das doppel «L» aus wie ein «sch» statt wie ein «J» wie im restlichen Spanisch. Zudem benutzen sie hier für viele Sachen ein total anders Wort: z.B. Plata statt Aguacate (Avocado), Auto statt Carro, Frutilla statt Fresa (Erdbeere). Das ist zwar auch in andern Ländern der Fall, doch hier ist es extrem. Von einer Menukarte verstehen wir wieder so gut wie gar nichts!

Ps. Ein witziges Video zu diesem Thema findest du hier: ¿Habla español?

 

Die kleinen feinen Unterschiede

Auch sonst haben uns einige Sachen überrascht. So gilt z.B. der Norden Chiles und viele Städte als eher gefährliches Pflaster. Vor allem vor Autoeinbrüchen und sogar Diebstahl, speziell von Geländewagen, wurden wir gewarnt. Aber auch sonst vor Überfällen. Das erstaunt und verunsichert einen dann schon, erst recht da wir uns in allen vorherigen (wohlgemerkt ärmeren) Ländern viel sicherer fühlten.

Auch erstaunlich ist das schlechte Internet in beiden Ländern, aber vor allem in Argentinien (weshalb ihr im Moment etwas länger auf neue Berichte von uns warten müsst). Oder dass man in Argentinien noch lange nicht an jedem Bankomat Geld bekommt.

Aber ansonsten sind die Leute hier wieder viel gebildeter und wohlhabender – scheint es zumindest. Viele sprechen sehr gut Englisch, bereisen die Welt und fahren in die Ferien. Man kann sich mit ihnen über Weltpolitik unterhalten und sie wissen, dass die Schweiz in Europa liegt – haben sie vielleicht sogar schon mal besucht – und dass es nicht das gleiche ist wie Schweden (Suiza, no Suezia! 😉).

 

Das Leben geniessen

Wir gewinnen den Eindruck, dass man hier wieder mehr das Leben als solches geniesst und nicht nur ums Überleben kämpft. Genuss zählt hier genau soviel wie bei uns. Die Ferienresidenzen sind nobel, die Cafés und Restaurants chick (und teuer), die Campingplätze zahlreich und gut ausgestattet. Sowohl die Chilenen wie auch die Argentinier lieben Camping! Was dabei auf keinen Fall fehlen darf, sind die Feuerstellen, um ordentlich einzuheizen und das gute (und in Argentinien günstige) Fleisch auf den Grill zu werfen. Dabei sind die Argentinier beinahe noch schlimmer als die Italiener am Strand, und bringen nebst dem halben Haushalt manchmal sogar noch die Lichterkette zur Dekoration mit. Haha, so herrlich!

Ach und noch an etwas mussten wir uns in Argentinien gewöhnen; die laaaaaange Siesta! Ich habe keine Ahnung, wann und wie die Argentinier ihre Brötchen verdienen, doch zwischen 13 und 17 (oder auch 18) Uhr musst du nichts von ihnen wollen. Das nennt man mal eine Mittagspause!

 

Ein Glässchen in Ehren…

Aber was natürlich in dieser Region ebenfalls nicht fehlen darf, ist ein Glässchen guten Weines. Sowohl Argentinien wie auch Chile haben riesige Weinregionen und trumpfen mit etlichen guten Tröpfchen auf. Wenn man sich dies aber nun so idyllisch wie bei uns vorstellt, so hat man weit gefehlt. Die Rebenstöcke ziehen sich nicht nur um ein vielfaches an Anbaufläche durchs Land. Auch die ganze Produktion ist dabei beinahe zur Industrie mutiert. Wir besuchten und sahen einige Weingüter und erwarteten idyllische Fincas inmitten von Reben. Doch gesehen haben wir nur grosse Lagerhallen und prozige Gebäude.

Dennoch genossen wir zwei wunderbare Weintastings an zwei ganz speziellen Orten und liessen es uns gut gehen. Das eine war in Mendoza auf dem Weingut des Schweizers Dieter Meyer von der Band Yello. Wir genossen ein wunderbares Menu mit verschiedenen guten Weinen. Für uns besonders war dieser Besuch, weil unser Hochzeitswein von dort kommt («OJO DE AGUA» Malbec). Als wir dann noch Wein kaufen wollten, vor allem von unserem Hochzeitswein, war dieser leider ausverkauft. Unsere Enttäuschung war gross, sind wir doch extra deswegen hergekommen. Da bot uns der Manager an, wir dürften dafür das signierte Exemplar haben, wenn wir wollen. Und ob wir wollten! Unser Hochzeitswein persönlich von Dieter Meyer signiert… wer hat das schon?!

Vollgepackt mit gutem argentinischem Wein, fuhren wir dann wieder rüber nach Chile und wagten uns ins berüchtigte aber schöne Valparaiso. Trotz den vielen Schauergeschichten von Überfällen gefiel uns dieses Städtchen sehr. Hier pulsiert so richtig das Leben und überall hat es Musikanten und Strassenkünstler. Wir assen gutes Sushi, schlenderten durch den farbigen und bemalten alten Stadtteil und genossen die gute Stimmung am Abend. Hier gönnten wir uns auch mal wieder etwas Luxus. Wir übernachteten in einem innovativen Hotel, welches aus Schiffscontainern gebaut ist. Die «Winebox» ist das Projekt von einem neuseeländischen Winzer und einer chilenischen Architektin, welches erst im Aufbau ist. Wir hatten das Glück und wurden am Samstag zu einem Dinner mit Winetasting auf der Dachterrasse eingeladen. Was für ein Erlebnis! Nebst dem unschlagbaren 360-Grad Blick über Valparaiso und den Hafen, wurden wir von einem Amerikanischen Koch mit 5-Gang-Menu verwöhnt und genossen vorzüglichen chilenischen Wein. Die Gäste waren mehrheitlich Freunde der Besitzer und so fühlten wir uns wie auf einer privaten Party und hatten richtig gute Gespräche – sowohl auf Englisch wie Spanisch (so langsam gewöhnen wir uns an das Genuschel und verstehen auch wieder mehr).

 

Die südamerikanische Schweiz

Auch sonst fühlen wir uns hier – vor allem in Chile – sehr an zuhause erinnert. Die Landschaft und die Infrastruktur sind genauso sauber, aufgeräumt und organisiert. Würde man uns aus der Schweiz hierher beamen, wir würden den Unterschied im ersten Moment wohl nicht bemerken. Viele sagen, dass ihnen das zu langweilig sei. Doch seien wir ehrlich; es hat auch mal wieder was schönes, sich in vertrauten Kulturen zu bewegen. Zudem ist die Landschaft mit ihren Bergen und Seen – genau wie bei uns – einfach bezaubernd und lädt zum Wandern nur so ein. Dennoch freue und sehne ich mich auch bereits wieder auf die etwas einsameren und trockeneren Regionen.

Aber ich muss sagen, es lässt sich gut reisen in Chile und Argentinien und vor allem auch geniessen. Prost, Salud, Cheers!

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