Kulturelle Eindrücke

von 5. November 2017

Eine Kuriositäten-Sammlung

Ach, wie ich die schöne, saubere, wohl geordnete Bünzli-Schweiz vermisse! Ich muss zugeben; das Heimweh packt mich immer öfters. Besonders, da ich mich mit Peru einfach nicht so richtig anfreunden kann. Zugegeben, ich steigere mich vielleicht auch manchmal etwas in meine Abscheu hinein. Doch ganz ehrlich; Peru hat einfach zu viele Kuriositäten zu bieten. Ich erzähle euch hier nochmals ein bisschen darüber.

Wie im letzten Bericht schon erwähnt, hat uns Peru noch nicht so sehr angelacht. Das hat sich leider auch in den vergangenen Reisetagen – wieder zurück in den Bergen – nicht sonderlich geändert. Obwohl man natürlich anmerken muss, dass die Landschaft teilweise wirklich grandios ist! Die Bilder zu einigen sehr schönen Erlebnissen könnt ihr hier sehen: «Durch die Berge fahren und staunen»

Bergkoller

Doch nachdem wir eine Woche lang jeden Tag stundenlang durch die Berge gekurvt sind, habe ich langsam nicht mehr viel übrig für die schöne Landschaft. Ich habe definitiv den Bergkoller! Und ich bin noch nicht einmal selbst gefahren, das hat Hifi übernommen. Diese Bergstrassen verlangen von einem viel Konzentration, denn die meisten entpuppen sich als nicht mehr als kleine Schotterpisten – auch wenn es laut Karte eine Hauptstrasse sein soll. Zudem führen die Wege immer im Zickzack den Berg runter, bis ganz nach hinten ins Tal, um dort ein kleines Bächlein zu überqueren. Nur um dann auf der andern Seite wieder im Zickzack das Tal nach vorne und den Berg hoch zum nächsten Pass zu führen. Und das meilenweit durch das ganze Land! Rauf, runter, rauf, runter… Wir Schweizer hätten schon lange ein paar Tunnels und die Deutschen ein paar Brücken gebaut, damit man schneller vorwärts kommt. Aber nein, hier folgt man lieber dem Bergverlauf und bleibt schön ursprünglich.

Hier eine kleine Fahrstatistik:

  • Pro gefahrener Kilometer ca. eine Speedbomb (Buckel auf der Strasse, so dass man auf ca. 10km/h abbremsen muss)
  • Pro gefahrener Kilometer ca. 50 Schlaglöcher (mindestens!)

Wir haben die Strecke in einem Diagramm dargestellt, damit ihr eine ungefähre Ahnung davon bekommt:
Wenn man in der Schweiz eine vergleichbare (wenn das denn möglich wäre) Stecke fahren wollte, müsste man sechs Mal von Thusis via Hinterrhein (bis zu hinterst über den Waffenplatz und wieder zur Autobahnauffahrt zurück) über den San Bernardino bis nach Roveredo und von dort bis zu oberst ins Calancatal. Anschliessend fährt man acht Mal von Vals via Ilanz nach Vrin und  zum Abschluss noch etwa zehn Mal über die Panzerpisten in Bure. Die ganze Stecke ausser von Vals nach Vrin natürlich ohne Asphaltbelag ;-).

Gesamtstrecke: 1066.67 km
Maximale Höhe: 4878 m
Minimale Höhe: 1206 m
Gesamtanstieg: 22792 m
Gesamtabstieg: -22437 m
Durchschnittsgeschwindigkeit: 23.49 km/h

 

Zugegeben, es macht auch Spass über diese Pisten zu fahren – dafür haben wir ja schliesslich auch das perfekte Auto gebaut. Doch nach wochenlangem Reisen, wo man für 200 km einen ganzen Tag braucht, wünscht man sich ab und zu schon auch mal einfach wieder eine schöne Teerstrasse. Natürlich findet man diese auch – wunderschöne, neue doppelspurige Schnellstrassen, jedoch meist fast genau so kurvig. Aber unverständlicherweise meistens dort, wo so gut wie kein Verkehr herrscht. Also nicht etwa auf den Hauptverbindungsachsen zwischen Städten oder Touristenattraktionen, sondern mitten in den Bergen von Nirgendwo nach «am Arsch der Welt».

Speedbombs

Zudem kommen hier wieder die ach so verhassten Speedbombs zum Zug. Ihr glaubt es nicht, aber die Peruaner schlagen bisher die Kolumbianer und Ecuadorianer noch fast im Einsatz dieser «Bumpers». Die skurrilsten Platzierungen, die wir «erfahren» haben, sind:

Nach der Ampel > kaum angefahren, muss schon wieder abgebremst werden.

Auf der kleinen Bergpiste > wo sowieso schon nur mit einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h gefahren wird, braucht es bestimmt noch ein zusätzliches Hindernis nebst all den Schlaglöchern und fehlenden Kanalisationsdeckeln, denen man eh schon ausweichen muss.

Auf dem Highway > da kann man endlich mal wieder anständig fahren und dann taucht ganz unverhofft so ein Bumper auf – auf der 90er Strecke!!!

Hygi… was?

Peru ist… wie soll ich sagen… einfach schmuddelig. Der Begriff «Hygiene» ist den Peruanern wohl nicht allzu geläufig. Über den Müll, der überall herumliegt habe ich ja bereits berichtet. In den Bergen ist dies zwar etwas besser. Da hat es nicht so viel Zivilisation. Doch sobald Menschen auftauchen, bzw. wo Menschen wohnen, da wird es sofort wieder schmuddelig.

Hier leben die Tiere und Menschen auf sehr engem Raum zusammen. Eigentlich alle Tiere – Schweine, Hühner, Esel, Pferde, Kühe, Hunde, Katzen, Schafe, Lamas… – laufen frei herum. Für die Vierbeiner muss das ein tierisch schönes Leben sein. Morgens treiben die Hirtinnen (es sind fast nur Frauen) ihre Herden auf die Weide, bewachen sie den ganzen Tag (wobei sie meistens am Stricken sind), und treiben sie abends wieder nach Hause. Und dort laufen sie dann quer durch die Behausungen und in den Innenhöfen herum. Daneben wird gekocht, Kleider gewaschen und die Kleinkinder krabbeln im Dreck herum. Meistens liegt alles ziemlich kreuz und quer herum – natürlich auch der Haushaltsabfall. Hygiene, Sauberkeit und tierfreie Behausungen, das kennen sie hier nicht.

Sicherlich ist dies auch auf die Armut und fehlende Bildung zurückzuführen. Zudem würde es nicht schaden, wenn die Regierung da ein bisschen nachhelfen würde. Einige solche Bemühungen sind uns zwar schon aufgefallen. Mancherorts sieht man an Bushaltestellen oder Wänden aufgemalte Bildergeschichten, welche die Leute über z.B. Händewaschen oder Kindererziehung aufklären. Oder in einem Ort sind uns lauter kleine Zusatzbauten im immer gleichen Stil aufgefallen. Es sah aus, als ob dort für jedes Haus ein kleines Wasch- oder WC-Häusschen gebaut worden war. Vielleicht von irgendeiner Hilfsorganisation?

Aber wieviel das wirklich bringt? Denn im gleichen Moment beobachten wir immer wieder, wie überall hemmungslos gepinkelt wird, oftmals sogar direkt an ihre eigenen Autos! Igitt! Ob das wohl Glück bringen soll…? Oder einmal sah ich einen kleinen Jungen, der im Eingang eines Warenladens stand und einfach hinein gepinkelt hat. Die Erwachsenen sahen unbewegt zu. Widerlich!!!

Architektur wie die Faust auf’s Auge 

Für mein Empfinden haben die Peruaner keinen Sinn für Schönheit. Vielleicht mit Ausnahme der traditionell gekleideten Frauen, deren Kleider wirklich schön und bunt sind. Und hier tragen die Frauen auch fast immer Hüte. An der Form und Grösse kann man wohl erkennen, aus welcher Gegend sie stammen. Lustig ist auch, dass sie immer am Stricken oder Spinnen sind. Egal ob sie gehen, stehen oder sitzen; immer haben sie eine Spindel oder Strickgut in den Händen.

Doch z.B. architektonisch haben sie wirklich keinen Sinn für Ästhetik. Als modern gelten offenbar verspiegelte Glasfenster… am liebsten in blau. Diese werden dann wenn möglich in runde Erker eingebaut. Ach wie schön…!!! Überhaupt lieben sie Rundungen und Erker. Aber das beste ist eigentlich immer die Fassade. Denn diese wird so gut wie nie verputzt, geschweige denn mit Farbe verschönert. Nein warum auch? Es ist viel einfacher die rohe, gemauerte Fassade einfach so stehen zu lassen. Naja, wenn es wenigstens schön gemauert wäre, dann könnte man ja noch darüber diskutieren. Aber die Kunst des Mauerns ist nun wirklich auch keine Stärke von Peru, oder zumindest nicht mehr, denn die Inkas hatten dies ja schon noch drauf.

Ruinen – alt oder neu?

Apropos Inkas: Eines muss man Peru lassen, es hat viele interessante und schöne alte Ruinen, welche man besuchen kann. Und die sind meistens wirklich beeindruckend. Das berühmteste Beispiel ist natürlich Machu Picchu, was ein Wunder für sich ist. Aber mehr darüber in einem andern Bericht.

Beim Durchqueren dieses Landes fällt einem einfach auf, dass man überall auf Ruinen stösst. Dabei ist man jedoch nicht immer sicher, ob diese nun 100, 10 oder nur 1 Jahr alt sind. Denn die Bautechnik, indem aus Lehm Ziegeln gemacht werden, gibt fürs Auge wenig Hinweise auf das Alter. Denn sobald ein Gebäude aus Lehmziegeln (sogenannte Adobe) nicht mehr unterhalten wird, zerfällt es im Regen relativ schnell. Klar, die richtig schönen Inka-Ruinen aus perfekt behauenen Steinen, die erkennt man schon. Doch man sieht auch sonst viele Arten von Ruinen. Und dann rätselt man, ob man nun gerade etwas historisches entdeckt hat und bald berühmt wird, oder ob sich überhaupt ein Foto davon lohnt.

Wandmalereien

Ein kleiner Nachtrag, was die unbemalten Wände angeht, kommt mir da doch gerade noch in den Sinn. Tatsächlich sind doch sehr viele Häuser bemalt. Doch auf eine etwas spezielle Art. Denn hier ist es offenbar so, dass bei kommenden Wahlen die Wahlpropaganda direkt an die Hausfassaden gemalt wird. Das hatten wir auch in Kolumbien und Ecuador so beobachtet. Es werden also keine Wahlplakate aufgehängt und nach der Wahl wieder abgenommen. Nein, hier werden die Namen der Kandidaten und ihrer Parteien direkt an die Häuser gemalt. Und erst wieder übermalt, wenn die nächsten Wahlen anstehen. Ich habe zudem den Eindruck, dass es nicht etwa so ist, dass die Hausbesitzer ihre jeweiligen Favoriten aufmalen, sondern dass das ganze Dorf einfach mit den regionalen Kandidaten «bestückt» wird. Denn vielerorts sieht man dann auch durchgestrichene… vielleicht um zu sagen, dass man die dann nicht wählen soll? Auch hat jede Partei ein Symbol, das aufgemalt wird. Wir haben spekuliert, ob dies wohl wegen den Analphabeten ist, welche die Namen ja nicht lesen können. Doch ein Symbol kann man sich merken. Jedenfalls verleihen diese Symbole dem ganzen dann oftmals doch noch so etwas wie Charme. Ich habe versucht, ein paar dieser speziellen «Wandmalereien» einzufangen, welche doch ein ganz eigenes Charakterbild abgeben.

Unaussprechliche Dorfnamen

Eine weitere, eher amüsante Kuriosität, welche uns auf unserem Weg durch Peru aufgefallen ist, sind die Dorfnamen. Für uns teilweise absolut unleserlich, geschweige denn aussprechbar. Beliebt sind Namen mit Doppel-L und Doppel-C, möglichst hintereinander. Auch «Pampa» oder «Hua…» oder irgendetwas mit CH kommen oft vor, so dass man sich die Namen unmöglich merken kann, da alles gleich klingt. Hier ein paar Beispiele zum Üben – Viel Erfolg beim Aussprechen!

Huaraz, Huaricolca, Huancani, Huancayo, Huayucachi, Huacrapuquio, Huancavelica, Huayllabamba, Chacapampa, Rumichaca, Julcamarca, Pampa Pampa, Chincheros, Andahuaylas, Pacucha, Cocharcas, Ticllas, Pacchpampa, Llanucancha, Ccochua, Ccollo, Ccarccatera, Karhuakahua, Oyocchuacho, Seccsenccalla, Timpucchuaycco, Osccollopampa, Ccochaccasa, Saccsachaca

Die andere Seite der Medaille

Ihr seht, beim Durchfahren dieses Landes fällt einem so einiges an Kuriositäten auf. Erst recht, wenn man stundenlang im Auto sitzt. Wahrscheinlich fällt einem das als «normaler» Tourist gar nicht so auf. Denn dann besucht man eine Sehenswürdigkeit nach der andern und wird dazwischen einfach hindurch geschleust. Wenn man nur Highlights wie Machu Picchu oder schöne Städte wie Cusco besucht, sieht man nur die schöne Seite der Medaille. Doch wir reisen halt auch etwas durch die Hintertüren und sehen das Land daher auch mit andern Augen.

Natürlich empfindet und erlebt jeder ein Land auf seine ganz eigene Weise. Ich sehe durchaus auch die schönen Seiten dieses Landes. Gerade Machu Picchu und auch Cusco gefallen mir sehr. Beides tut mir in der Seele gut und lässt mich wieder mit etwas mehr Freude auch noch den restlichen Teil von Peru erkundigen.

Dennoch, das Heimweh übermannt mich im Moment immer mal wieder. Aber ich denke, nach fünf Monaten auf einfachste Art Reisen, darf man das schon mal verspüren. Jetzt wirklich nach Hause kommen, das will ich dann doch noch so gar nicht! Sorry, aber ich freue mich zu sehr auf all die weiteren Länder, die wir noch erkundigen wollen.