Impressionen einer Durchquerung

von | 30. August 2018

Ein Land zum verlieben 

Leider kriegt man als Europäer nur ein drei-Monate-Visum für Brasilien, ohne Möglichkeit zum Verlängern. Zu Beginn unserer Reise wollten wir Brasilien eigentlich ganz auslassen. Und jetzt, wo wir uns dennoch dafür entschieden haben, muss es natürlich gleich quer durch’s Land sein. Das kommt daher, dass alle Orte welche wir besichtigen wollen, so weit auseinander liegen: Zuerst die berühmten Iguaçu Fälle im Süden. Dann das tierreiche Pantanal im Südwesten. Die traumhaften Küsten im Nordosten. Und zum Abschluss die lange Fahrt per Schiff von Belem nach Manaus und dann die abenteuerliche Strasse BR319 durch den Dschungel. Das sind mehrere tausend Kilometer!
Lange haben wir es besprochen und die Route immer mal wieder angepasst und zu kürzen versucht. Doch schlussendlich haben wir uns entschieden, es zu wagen. Das hiess aber auch, dass wir nach dem Pantanal quer durchs Land, auf direktestem Weg in den Norden an die Küste fahren. Und zwar so schnell wie möglich.

 

In 6 Tagen quer durch Brasilien

Schlussendlich bewältigten wir über 3000 km in nur sechs Tagen. Wir fuhren am Morgen los, eine kurze Pause am Mittag und dann bis kurz vor Sonnenuntergang weiter. Dann hiess es, einen Übernachtungsplatz zu finden.
Im Vorfeld wurden wir gewarnt, dass es in Brasilien extrem schwierig sei, wild zu campen und Campingplätze gibts auch nicht viele. Es gebe fast nur die Möglichkeit, auf Tankstellen zu übernachten. Nun sind wir jedoch die absoluten Tankstellen-Übernachtungs-Verabscheuer und wir hatten uns zum Ziel gesetzt, möglichst nie auf einer zu übernachten. Schlussendlich gelang uns das problemlos und wir fühlten uns versteckt im Busch definitiv sicherer und wohler. Einzig die unbekannte Tierwelt im Dunkeln war mir etwas ungeheuer. Wobei die Gefahr, sich einen giftigen Spinnenbiss zu hohlen, wahrscheinlich grösser ist, als von einem Jaguar angefallen zu werden.
Apropos exotische Tierbegegnungen. Einmal sassen wir noch ganz gemütlich und ruhig draussen, als ich plötzlich ein eigenartiges Geräusch und ein Tapsen wahrnahm. Als ich aufblickte, wanderte doch tatsächlich ganz gemächlich ein Tapir vor unserem Auto durch. Wahnsinn! Die sind total selten und wir hatten gerade noch davon gesprochen, dass es toll wäre eins zu sehen. Wir können uns echt glücklich schätzen.

 

Ein angenehmes Reiseland

Also abgesehen von den wenigen Übernachtungsmöglichkeiten, empfinden wir Brasilien als total angenehmes Reiseland. Absolut begeistert sind wir von den Mittagsbuffet. Self Service Buffet findet man überall; auf Tankstellen wie auch in Dörfern in kleinen Restaurants. Da kriegt man für wenig Geld sehr viel gutes und gesundes Essen geboten, und zwar á Discretion! Wir schlagen uns häufig die Bäuche voll und brauchen dann abends gar nicht mehr viel zu kochen. Leider fanden wir weiter im Norden immer weniger davon.
Die Strassen in Brasilien sind sehr unterschiedlich. Teilweise sehr gut ausgebaut. Dafür aber wimmelt es auf den Hauptverkehrsachsen von Lastwagen. Kolonnenweise liefern sie sich Elefantenrennen. Doch sie sind auch anständig und signalisieren einem immer, wenn man sie überholen kann. Dann wiederum haben wir beim Durchqueren des Landes auch sehr abenteuerliche Strassen befahren. Mitten durch den Dschungel, wo plötzlich ein indigenes Dorf auftaucht. Oder quer über Viehweiden, wo alle Kilometer ein Gatter zu öffnen und wieder zu schliessen war. Im Süden fährt man Stundenlang an Maisfeldern vorbei, höchstens durchbrochen von Rinderweiden. Oder in ärmeren Bundesstaaten bestehen die Teerstrassen aus so vielen Löchern, dass alle Autos Slalom fahren.
Aber was uns auffällt ist die Sauberkeit. Es liegt wenig Müll herum und in den Ortschaften hat es richtige Müllabfuhren. Und das erstaunlichste nach so langer Zeit in Südamerika: Auf den WCs hat’s Klopapier, Seife und sogar Handtücher! 😄

 

Ein lebensfrohes Volk

Auch die Brasilianer begeistern uns. Das sind so freundliche, hilfsbereite und lebensfrohe Menschen. Als wir in einen Stau wegen eines Unfalls gerieten, vergassen sie nicht, uns darüber zu informieren, dass wir mit unserem Auto daneben vorbeifahren könnten. Oder als wir mal auf einer Tankstelle etwas länger standen und warteten, kam einer und fragte, ob wir Hilfe bräuchten. Lauter solche kleinen Aufmerksamkeiten. Immer höflich und lächelnd, aber nie aufdringlich. Wir empfinden die Brasilianer als bisher die herzlichsten Leute auf diesem Kontinent.
Umso mehr leiden wir darunter, dass wir die Sprache so schlecht verstehen. Wenn man es liest, ist es sehr nahe am Spanischen und verleitet zu dem Irrglauben, dass es fast die gleiche Sprache ist. Doch wenn man dann versucht, es auszusprechen, schauen sie einem mit grossen Augen an und verstehen nicht was wir wollen. Und unsere Fragezeichen in den Augen werden umso grösser, wenn sie zu sprechen beginnen! Da fängt dann das grosse Rätselraten an… Naja, mit Spanisch (oder manchmal sogar besser mit Englisch), sowie mit Gestiken schlagen wir uns einigermassen durch. Aber mehr auch nicht.
In São Luís besuchten wir den alten Stadtteil am Abend und platzen mitten hinein in die lebensfreudige Atmosphäre. Hier tummeln sich die Jungen und Schönen. Ich habe noch nie so viele verschiedene Afrofrisuren gesehen und verliebte mich sofort darin. Offenbar ist man hier auch sehr weltoffen, denn wir sehen dutzende schwule Männer, welche sich herausgeputzt haben und Händchen halten. Es ist ein buntes Gemisch, ein fröhliches Treiben und besser als jedes Kino. Wir suchen uns einen Sitzplatz, wo wir volle drei Stunden mit Genuss den vorbeiziehenden Leuten zuschauen.
Als wir am nächsten Tag die Stadt per Fähre verlassen, beginnen spontan ein paar Männer und Frauen zu trommeln und zu klatschen und singen. Immer mehr strömen herbei und machen mit. Genau das ist es, was ich an Brasilien so bewundere. Diese Fröhlichkeit und Ungezwungenheit.

 

Ein Land zum verlieben

Also ich muss echt sagen: Brasilien hat mich positiv überrascht. Dafür dass wir zuerst sehr skeptisch waren und eigentlich gar nicht kommen wollten, hat es uns nur umso mehr in Bann gezogen. Für uns definitiv eines der besten Länder unserer Reise. Die Entscheidung, hierher zu kommen, hat sich gelohnt. Ach und übrigens: mein Heimweh ist wie weggeblasen! 😊

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