Hängengeblieben im Chaco

von | 15. Juni 2018

Der wilde Westen von Paraguay

Paraguay, das Land inmitten von Südamerika. Ohne Meeranschluss, umgeben von lauter grösseren Nachbarstaaten – fast ein wenig wie die Schweiz. Und da wir im Nordwesten von Argentinien waren lag es nahe, via Bolivien in den Westen von Paraguay zu stechen, in den sogenannten Chaco. «Was, ihr wollt quer durch den Chaco fahren? Da gibt’s doch absolut nichts zu sehen!» So und ähnlich hat es öfters bei anderen Reisenden getönt, als wir unsere weiteren Pläne bekanntgaben.

Nun denn, wir liessen uns nicht beirren und fuhren unsere Route. Kaum die Grenze überquert, empfing uns eine frisch geteerte Strasse – die berühmt berüchtigte Transchaco. Links und rechts davon? Nichts, ausser Busch und noch mehr Busch und noch viel mehr Busch. Nach 100km sahen wir immer noch Büsche – haben wir vielleicht doch einen Fehler gemacht bei unserer Routenwahl? Radadadam – uups, da fehlt die asphaltierte Strasse! Das heisst, eigentlich hat es schon noch geteerte Stücke, aber maximal ein Meter lang, etwa gleich breit und dahinter folgt ein ausgewaschenes Stück Naturpiste. Der Höhenversatz mal kurz 15 bis 20 Zentimeter… Das schlägt ganz schön ins Fahrwerk. Es waren dann nur zwei Etappen à zehn und sieben Kilometer aber die haben gereicht, dass wir für immer wissen, dass bis vor ganz kurzer Zeit die Transchaco wirklich eine ganz üble Strecke war. Lieber gar kein Asphalt als diese kriminelle Rumpelpiste…

Unser Ziel war das Hotel & Camping Rosaleda – 30 Kilometer ausserhalb von Marriscal, der ersten grösseren Siedlung aus Richtung Bolivien. «Tschou zäme!» ertönte es, kaum waren wir aus dem Landy ausgestiegen. Kommen hier nur Schweizer hin? «Hier in Rosaleda sprechen wir alle Schweizerdeutsch. Morgen feiern wir hier den Geburtstag von Ändu und Jasmine, ihr seid herzlich willkommen.» Äh ok, wir sind in der einzigen Schweizer Kolonie von ganz Paraguay gelandet und hatten das zuvor gar nicht realisiert…
Bei der Geburtstagsfeier lernten wir natürlich das halbe Dorf kennen und alle meinten, wir sollen sie zuhause besuchen oder doch gleich selber hierhin ziehen. Zurzeit leben nämlich nur rund 25 Schweizer in Rosaleda und die Dorfschule besuchen nur sechs Kinder. Das nenn ich progressives Standortmarketing! Die Geburtstagsrunde war gesellig und neben allen Schweizern lernten wir auch noch die Mennoniten Oskar und Marilyn sowie Eldon und Patricia kennen. «Ihr müsst uns unbedingt in Filadelfia besuchen kommen!» hiess es alsbald.

Das Hotel Rosaleda stand mehrere Jahre leer, bevor Renato es 2015 kaufte. Aus der Schweiz kam er mit einem 40 Fuss Container voller Ware: Direkt eingebaute Kühl- und Gefrierzelle, komplette Ausstattung für eine Gastroküche, anständige Matratzen und Bettgestelle sowie diverses Baumaterial, welches man im Chaco nicht einfach so findet. Bis heute hat Renato mit seiner Mitstreiterin Cécil und ihrem Mitarbeiter Diego die Hotelzimmer ausgebaut, den Pool auf Vordermann gebracht, den Kühlzellencontainer sauber eingemauert und die Küche eingerichtet. Was seit Monaten fehlte, war die saubere Elektroinstallation der Küche und des Pools. Mit dem Baustromverteiler und vielen Verlängerungskabeln war die Verkabelung – sagen wir mal – nicht gerade sexy… Uns gefiel es so gut in Rosaleda, dass wir Renato und Cécil kurzerhand anboten, die Stromverteilung fertig zu machen, im Garten zu helfen und das Logo zu redesignen. Gegen Kost und Logis arbeiteten wir daraufhin knapp drei Wochen.

Eldon mietet von Renato eine Cabaña, da er ausserhalb von Rosaleda eine Rinderzucht besitzt. Mit rund 200 Kühen nicht gerade die grösste, aber super organisiert. Am Tag nach der Geburtstagsfeier durften wir seinen Campo besuchen und bekamen alles genau erklärt. Wasser ist im Chaco absolute Mangelware; Zitat: «Du findest im Chaco keinen Wasserhahn der tropft!» Für den Menschen ist das Grundwasser ungeniessbar, da der Salzgehalt viel zu hoch ist. Für die Kühe hingegen der Traum, man braucht nicht einmal mehr Mineralstoffe beizufüttern. Daher besteht auf allen Estancias ein Bedarf an Brunnen und Tränken. Und damit verdient Eldon seinen Lebensunterhalt. Er lässt Brunnen bohren und baut dann mit seinen Maurern Wassertränken und installiert über mehrere Kilometer hinweg Wasserleitungen. Der Campo ist sozusagen nur sein Hobby (bringt aber ganz schön Geld ein).

Uschi gehörte 1994 zu den Pionieren in Rosaleda. Damals war alles einfach nur Buschland, es gab nix als sie hier ankamen. Bis heute ist sie stolze Bewohnerin der Schweizer Kolonie und verpflichtete ihren Sohn Ändu kurzerhand, uns das Dorf zu zeigen und mit uns die Bewohner zu besuchen. Mit grossen Augen entdeckten wir immer wieder neue Trouvaillen hinter den Zufahrtsstrassen. Uns wurde auf einmal klar, dass der Chaco sehr viel zu bieten hat – sofern man die Möglichkeit hat, hinter die Büsche zu schauen.

Nach der ersten erfolgreichen Woche in Rosaleda besuchten Caro und ich das grosse Rodeo-Festival in der Kolonie Neuland. Man kann sich dieses Volksfest etwa so vorstellen wie die Olma (ohne Halle sieben, da die Mennoniten offiziell keinen Alkohol trinken…), verbunden mit Bullenreiten und Pferde-Showreiten im grossen Korall. Dazu gab’s am Sonntag ein grosses Race-Traktor-Viertelmeilen-Rennen, wobei diese Rennwagen mit einem normalen Traktor etwa so viel gemeinsam haben, wie ein F1-Schlitten mit einem Privatauto. Der eine Fahrer verlor sogar die Beherrschung über seinen Boliden und so raste er direkt in einen Kandelaber – zum Glück gab es keine Toten! Alles in allem war es für uns ein lustiges Weekend, bevor es dann für mich am Montag hiess, fest auf die Zähne zu beissen. Bereits mehrere Tage hatte ich starke Zahnschmerzen und so bekamen wir am Montag Vormittag einen Termin bei Renatos Hauszahnarzt in Loma Plata. Die Konsequenz aus meinen Schmerzen: Zahnwurzelbehandlung inkl. Plombe darauf und komplette Dentalhygiene für nicht einmal 200 Schweizer Franken. Alles natürlich in einem gemütlichen Ambiente und auf Deutsch! Es verwundert mich nicht, dass viele Leute aus Deutschland und Kanada extra nach Paraguay in die Ferien fliegen, wenn sie ein paar Zähne zu ersetzen haben – für den Preis den man bei uns bezahlt, ist hier der Flug und das Hotel gleich inklusive…

Tags darauf besuchten wir in Filadelfia das Ortsmuseum. Wirklich viele Besucher gibt’s dort nicht und so kamen wir in den Genuss einer Privatführung. Eindrücklich wird einem die Geschichte der Mennoniten, von der Abspaltung von den Reformierten 1525 in Zürich bis zu ihrer Ansiedlung im Chaco erzählt. Daneben gibt es viel lesenswertes über die indigene Bevölkerung, über Flora und Fauna und die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Uns gefiel es so gut, dass wir nach ein paar weiteren arbeitssamen Tagen im Hotel Rosaleda gleich nochmals vorbeischauen mussten.

Während unserer beiden Besuche in Filadelfia erlebten wir viel mit Oskar und Marilyn. Sie nahmen sich Zeit und zeigten uns das Leben in der Kolonie. Was die Mennoniten in nur drei Generationen in dieser lebensfeindlichen Umgebung auf die Beine gestellt haben, verdient den grössten Respekt. In ihren drei Kolonien gibt es jeweils eine Kooperative, die vom Zehnten lebt, den jeder Mennonit zusätzlich zu den paraguayischen Steuern bezahlt. Damit werden eigene Schulen, Krankenhäuser, der Strassenunterhalt, Agrarforschungseinrichtungen und so weiter bezahlt. Der Staat im Staat funktioniert so gut, dass heute vermehrt auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen hier hinziehen, von den Sozialeinrichtungen profitieren und in der Viehwirtschaft das grosse Geld machen wollen.
Durch die spannenden Gespräche mit Marilyn und Oskar, mit Eldon und vielen anderen Mennoniten lernten wir aber auch, dass nicht alles glänzt, was die mennonitische Kultur anbelangt. Vor allem jüngere Anhänger Mennos haben zum Teil Mühe mit den strengen Regeln der Gesellschaft, mit dem absoluten Gehorsam der Frauen dem Hausherrn gegenüber, der Abgebrühtheit im Geschäftsleben. Alkohol und Zigaretten werden von vielen jüngeren offen konsumiert. Und so kam es, dass wir bei einer Einladung zum Nachtessen mit einem Pack Bier auftauchten und uns erst vor Ort bewusst wurden, dass wir als Mitbringsel ausgerechnet einem Mennoniten Alkohol schenkten…

Bevor wir dann Richtung Asunción weiterzogen, besuchten wir mit Marilyn, Oskar und ihren drei Kindern noch das Fortín Boquerón. Bis heute sieht man die Schützengräben, einen zum Beobachtungsposten ausgehölten Flaschenbaum und diverse Waffen, Fahrzeuge sowie Fotos im kleinen Museum. Die Eroberung dieser Festung im Juli 1932 durch die Bolivianer begründete den Chacokrieg – la guera estupida (der sinnlose Krieg) über nichts als unwirtliches Buschland. Oder probierten die europäischen Mächte gar ihre neu entwickelten Waffen aus, bevor es kurz darauf in Europa zum Krieg kam? Bereits am 29. September des gleichen Jahres schafften die Paraguayer die Rückeroberung dieser Befestigungsanlage und schufen mit diesem Erfolg das Fundament für den Sieg über die Bolivianer 1935. Der erfolgreiche Ausgang des Chacokriegs erfüllt die Paraguayer bis heute mit grossem Stolz.

Ich begreife jeden der sagt, der Chaco sei langweilig – wenn man denn einfach auf der Transchaco durch diese Landschaft fährt. Wer aber wie wir das Glück hat, hinter die Zäune blicken zu können und von allen so lieb aufgenommen wird, der verliebt sich unweigerlich in diesen wilden Westen von Paraguay. Vielen Dank Renato, Cécil und Diego, Ändu und Uschi, Marilyn und Oskar, Eldon und Patricia, Volker und Simone.

Nachtrag

Ein paar Wochen nach unserem Besuch in Filadelfia, erschien noch eine kleine Meldung über uns im lokalen Infoblatt. Wir sind berühmt!! 😄😉

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