Heimweh analysieren

von 25. Juli 2018

Wenn das Heimweh kommt…

Wir sind jetzt 14 Monate unterwegs am Reisen. Südamerika hat sich als toller Reisekontinent entpuppt. Wir haben extrem viel schönes und spannendes erlebt. Und auch ein paar weniger amüsante Erfahrungen gemacht. Doch die gehören halt genauso zum Reisen dazu und machen das Abenteuer spannend.

Doch manchmal – und in letzter Zeit öfters – plagt mich das Heimweh.
Aber was genau vermisse ich denn? Was gibt es denn schöneres als die Freiheit des Reisens? 

 

Reisemüdigkeit

Also zum einen muss gesagt sein, dass Reisen auch anstrengend ist. Denn es sind keine Ferien! Es entsteht genauso ein Alltag wie zuhause. Klar, mit grösseren Freiheiten und weniger Zeitdruck. Dennoch gibt es immer etwas zu organisieren, einzukaufen, zu planen oder zu suchen (z.B. jeden Tag einen neuen Schlafplatz). Manchmal sehne ich mich dann nach der Bequemlichkeit und der Routine zuhause. Oder nach einem simplen Fernsehabend auf dem Sofa.

Und dann sind da noch so Sachen wie die sanitären Anlagen (betrachte dazu die Fotosammlung «das stille Örtchen»). Ach, wie freue ich mich auf meine Dusche zuhause, wo ich ohne Badeschlarpen rein kann und nicht überlegen muss, an welchem Haken ich mein Tuch aufhänge, ohne eine Bakterienzucht einzufangen. Oder die saubere Toilette und das gute dreilagige WC-Papier, wo nicht gleich der ganze Scheiss durchdrückt…

Diese Arten von Heimweh nenne ich Reisemüde. Es taucht erst nach einer längeren Zeit unterwegs auf, verschwindet dann wieder und kommt je länger je häufiger.

 

Familiäre Verbundenheit

Was ich auch vermisse ist meine Familie und unsere Freunde. Mal wieder meine Eltern umarmen und endlos lange Gespräche zusammen führen. Mich kulinarisch von meinem Vater und meinem Bruder verwöhnen lassen. Miterleben wie meine Nichte grösser wird, die Welt entdeckt und ihr Lachen zu hören. Aber auch sommerliche Grillparties und feuchtfröhliche Degustationsabende mit unsern Freunden fehlen mir. Man trifft zwar unterwegs immer wieder auf gute neue Reisefreunde. Sitzt zusammen am Feuer, philosophiert über die Welt und trinkt auf diese. Doch die Freunde zuhause ersetzen sie nur teilweise. Aber immerhin; einsam fühlten wir uns nie.

Wie sich aus Gesprächen mit vielen anderen reisenden Paaren herausstellt, ist dies offenbar eine Art von Heimweh, welche viel mehr Frauen betrifft. Es ist auch einer der Gründe, warum die Frauen häufiger und früher wieder nach Hause fliegen. Männer scheinen weniger darunter zu leiden und könnten laut eigener Aussage noch viel länger von zuhause wegbleiben. 

 

Patriotische Gefühle

In Paraguay hat mich eine neue Art von Heimweh gepackt. Ich wurde da plötzlich mit meinen eigenen patriotischen Sympathien konfrontiert. Speziell in Rosaleda (siehe «hängengeblieben im Chaco»), aber auch sonst in Paraguay, leben viele ausgewanderte Schweizer und Deutsche. Da kommen dann häufig Diskussionen auf über all die schlechten Dinge in der Heimat. Da wird geschimpft über das System, die Politiker, die Ausländer und die Engstirnigkeit. Und das von Rentnern, welche sich dank unserem gut funktionierenden Sozialsystem und der politisch stabilen Wirtschaftslage ein schönes Leben in Paraguay machen können. Als Ausländer, welche teils kein Wort Spanisch sprechen und von den einheimischen Angestellten schweizerische Pünktlichkeit erwarten. Oder die, in Bayerischer Tracht gekleidet, deutsche Lederhosen verkaufen und dann am Stammtisch lauthals verkünden, dass sie auf Deutschland scheissen würden…

Da kommt bei mir echt die Galle hoch! Da werde ich plötzlich zum Patrioten und verteidige meine Heimat. Denn gerade beim Reisen durch Südamerika wurde mir immer bewusster, wie gut wir es in der Schweiz haben. Wie zuverlässig unser System funktioniert, was für eine gute Schulbildung wir erhalten, wie viel wir uns leisten können… Mir jedenfalls wurde dadurch sehr bewusst, was ich alles habe zuhause. Ich schätze das sehr und freue mich umso mehr auf die Heimkehr.

 

Rollenverteilung

Ein anderes Thema beschäftigt mich schon länger. Und zwar die Frage der Rollenverteilung auf Reisen. Ein sehr subtiles Thema, welches offenbar auch viele andere Frauen beschäftigt. Ich kann hier jedoch nur für mich sprechen.

Ich habe einen wunderbaren Mann! Er ist ein Alleskönner. Er fährt rassig über jede Offroadstrecke, meistert auch schwierige Situationen völlig gelassen und flickt dann noch selbst jeden Schaden am Auto, der unterwegs entsteht. Er ist ein guter Zuhörer und interessanter Gesprächspartner, der viel weiss und immer mit guten Tipps weiterhelfen kann. Er ist witzig und gesellig und hilfsbereit. Und als ob das noch nicht genug wäre: der Mann kocht und backt auch noch! So gewinnt er jedes Herz mit einem Kuchen oder einem Sonntagszopf. Was für ein toller Mann! Ich bin echt gesegnet! Und das wird mir auch regelmässig gesagt (obwohl ich das natürlich eh schon weiss und mich auch freue, es zu hören). 

Doch hier fängt auch mein Problem an. Denn: Wer bin denn ich?! Einfach die nette Begleitperson…?

Zuhause hat sich für mich dieses Problem noch nie so heraus kristallisiert. Denn dort haben wir auch eigene Lebensräume, wo wir einzeln auftreten und beurteilt werden. Wo auch meine Stärken wahrgenommen werden und ich Anerkennung für meine Leistung bekomme. Doch hier leben wir so eng aufeinander, dass wir immer unmittelbar zusammen betrachtet und verglichen werden. Und das meist aufgrund eines kurzen Augenblicks. Da gehen meine Stärken und mein Beitrag an dieser Reise total unter und ich fühle mich als graue Maus neben meinem Mann. Wohlgemerkt; ich mache ihm dazu überhaupt keinen Vorwurf! Das ist weder sein Verschulden, noch möchte ich, dass er anders ist. Ich liebe ihn ja gerade deshalb. 

Doch wie er selbst immer so schön sagt: «Wenn eine Frau kocht und backt, ist es selbstverständlich. Wenn es ein Mann tut, wird er dafür bewundert.» Und daraus ergibt sich dann eben dieses Problem, welches viele Frauen zu spüren bekommen. Will eine Frau dieselbe Bewunderung erhalten, so müsste sie eine wilde Fahrerin sein, zudem das Auto selbst reparieren und am besten auch alleine durch die Welt reisen. Es gibt diese Frauen. Doch es ist die Minderheit. Alle andern müssen für sich selbst einen Weg finden, wie sie damit umgehen.

Ich für meinen Teil stelle zweierlei fest. Zum einen habe ich gelernt, mit den Schultern zu zucken und zu lächeln. Denn das wichtigste für mich ist, dass mein Mann mich schätzt. Und er weiss, was ich alles kann und leiste und dass hinter jedem starken Mann eine starke Frau steht. Das zweite jedoch ist die Erkenntnis, dass ich mich ebenfalls nach Anerkennung von aussen sehne. Und dies wiederum schürt dann bei mir das Heimweh. Denn zuhause bin ich eine selbständige Frau. Ich habe einen Beruf in dem ich gut bin und wo ich geschätzt werde. Und ich habe Freunde und eine Familie, die mich länger und besser als ein paar Tage kennen und daher wissen, wer und wie ich bin. 

Tja, mit solchen selbstreflektierenden Themen wird man beim Reisen halt konfrontiert. Doch bereichert wird man dafür mit immer mehr Selbstkenntnis.

 

Reisepläne

All diese Heimwehsorten haben mich in letzter Zeit geplagt. Und ich war kurz davor, nach Hause zu fliegen. Doch schlussendlich habe ich mich dagegen entschieden. Denn diese Art von Reise machen wir wohl nicht so schnell wieder. Und ich glaube, dass ich es bereue, wenn ich dieses Abenteuer jetzt abbrechen würde. Ich will diese Reise zusammen mit meinem Mann erleben und teilen. Und zwar von Anfang bis Schluss und durch alle Hochs und Tiefs.

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