Gestrandet am Ende der Welt

von | 16. März 2018

Feuerland will uns nicht gehen lassen

Nachdem wir einige Tage Ushuaia und den Nationalpark Tierra del Fuego genossen hatten, war «el fin del mundo» unser Ziel. Auf den weltweit südlichsten Punkt (den man mit einem Auto auf öffentlichen Strassen anfahren kann) freuten wir uns schon seit Tagen. Er war ja so etwas wie der Wendepunkt unserer Südamerikatour. Und so fuhren wir um Mittag herum von Ushuaia davon, nachdem der nötige Motorölwechsel wieder mal erledigt war. Nach einer knappen Stunde verliessen wir die Ruta National 3. Von da aus waren es noch rund 90 Kilometer Gravelroad. In einer schönen Bucht besuchten wir auf der Estancia Harberton (eine der ältesten Estancias in Feuerland) das Museum und genossen eine Tasse heissen Kaffees. Es blieben noch etwa 50 Kilometer bis zum südlichsten Punkt, wo wir übernachten wollten.
Gemütlich cruisten wir über die Schotterpiste und genossen die patagonische Vegetation mit den vom Wind fast flach gedrückten Bäumen, den Blick über den Beagle-Channel zu den vorgelagerten chilenischen Inseln und beobachteten die Vögel, die genüsslich im Meer fischten.
Nur das Dröhnen unserer Reifen und der Motor waren zu hören. Der Motor? Hüstel, hüstel und zwanzig Meter weiter war er aus. Oops, was war das jetzt? Starten wir ihn neu: Ne, er will nicht… Noch ein Versuch, wieder ohne Erfolg. Das Motoröl wurde kontrolliert, bestimmt fehlte noch ein Deziliter oder zwei und der Motor stellte wegen Überhitzung ab… Das brachte leider auch nicht den gewünschten Erfolg und das Diagnosegerät meldete auch keinen bekannten Fehler. Hmm, war schon etwas komisch. Ein Gang ums Auto herum brachte dann die Erleuchtung: Der Heckstossdämpfer auf der Beifahrerseite war einfach abgebrochen! Nicht etwa der Dämpfer hatte den Geist aufgegeben (wie bei so vielen anderen Reisenden), sondern die ganze Halterung war einfach abgeschert. Der lose Dämpfer hat dann mit voller Wucht über den Schutz des Dieselfilters geschlagen und dabei brachen die Anschlüsse der Dieselleitungen zwischen Filter und Motor. Die Lache unter dem Auto machte klar, dass kein Diesel mehr in den Motor gepumpt wurde und ohne Lebenssaft läuft auch unser Landy nicht wirklich weit. Was für ein Schrott und das hundert Kilometer von der Zivilisation entfernt!

Nach kurzer Pause bockten wir das Fahrzeug auf, demontierten das Hinterrad und fingen zuerst mal mit der Demontage des Dämpfers an – das war der einfachere Part. Kaum war dieser draussen, hielt ein Auto hinter unserem an. Die argentinische Familie schaute etwas ratlos drein, war aber sehr liebenswürdig. Nach dreimaligem vergewissern, dass wir auch ja genug Wasser dabei haben, stiegen sie wieder in ihr Fahrzeug und fuhren weiter; mit dem Versprechen, in der Marinestation am Ende der Strasse um Hilfe zu bitten.
Bald darauf hatten wir auch die defekte Dämpferhalterung demontiert. Die Befestigungsschrauben des Dieselfilterkopfs liessen sich jedoch nach zehn Jahren nicht ohne Gewalt herausschrauben. Zack, zack und beide brachen ab – super, zwei Unglücke reichten ja noch nicht. Die Steckanschlüsse an den Dieselleitungen wollten auch nicht auseinander, zu viel Dreck hatte sich in den Kupplungen gesammelt.

Als die argentinische Familie nach mehr als einer Stunde zurückkehrte, waren wir immer noch mit der Demontage beschäftig. Sie fragten nochmals nach Wasser und trotz unserem Einwand beharrten sie darauf, in Ushuaia nach Hilfe zu rufen, sobald sie wieder Mobiltelefonempfang hätten. Ein Abschleppwagen war aus ihrer Sicht die einzige Möglichkeit.
Nach einer langen Zeit war dann endlich auch der Dieselfilterkopf demontiert und alles sauber gereinigt. Mittels Sekundenkleber wurden die abgebrochenen Stecknippel wieder angeleimt und mit Knetmasse ein sauberer Gips darumgelegt. Nach weiteren dreissig Minuten Trocknungszeit probierten wir aus, ob das ganze wieder zusammengebaut werden könnte. Zack und die Zulaufleitung war wieder abgebrochen. Was für ein Frust!
Etwas entmutigt demontierten wir den Filterkopf wieder, säuberten alles nochmals gründlich und gaben uns noch mehr Mühe mit der Kleberei und dem Stützgips.

In der Zwischenzeit war es neun Uhr abends, die Bastellust etwas kleiner, der Kohldampf umso grösser. Der Fall war klar, wir würden hier am Strassenrand übernachten müssen. Kaum hatten wir mit kochen angefangen, fuhr das zweite Fahrzeug seit unserer Strandung heran. Ein Pick-up mit Anhänger und Quads darauf. Der Fahrer begriff sofort wo das Problem lag und meinte, er könne einen Kugelschreiber bieten. Damit könnten wir die Dieselleitung zusammenbasteln (ohne Filter dazwischen), hauptsache wir würden nach Ushuaia zurückfahren können. Recht hatte er aber für diesen Tag hatten wir genug improvisiert. Erschöpft, aber geistig unfähig abschalten zu können, lagen wir unruhig in unserem Bett. Zu viele Gedanken rasten umher: Was gibt’s noch für Möglichkeiten? Was brauchen wir noch, damit wir weiterfahren können? …

Nochmals fuhren Fahrzeuge vorbei und nachdem wir irgendwann doch eingeschlafen waren, weckte uns morgens um viertel nach Zwei ein Blaulicht. Die Polizei kam geschlagene fünf Stunden, nachdem die argentinische Familie die Meldung abgesetzt hatte, in der Pampa an. Den Kopf durchgeschüttelt, etwas warmes angezogen und dann stand ich draussen bei den drei Polizisten. Auch für sie war das Problem schnell klar und sie wollten, dass jemand von uns mit ihnen nach Ushuaia zurückfahre. Dort gebe es sicher die benötigten Ersatzteile, denn ein Abschleppwagen würde nicht nach hier draussen fahren. Ja genau. Die Teile liessen sich ganz bestimmt in der südlichsten Stadt von Argentinien finden und die Idee, dass jemand von uns hier bleibt und der andere dann 120 Kilometer entfernt wäre, war auch nicht wirklich berauschend. Dankend lehnte ich ab. Die Polizisten waren etwas irritiert, schliesslich fuhren sie extra bis hier draussen. Irgendwie konnte ich ihnen dann aber klarmachen, dass nicht wir nach Hilfe geschrien hätten und wir bestimmt am nächsten Tag weiterfahren könnten. Dank unserem Garmin Explorer Satellitenkommunikationsgerät wäre es uns auch möglich Hilfe zu rufen, falls es wirklich noch nötig wäre.
Wie die Argentinier so sind, wurde eine Thermosflasche und ein Mate hervorgezaubert und im Schein der blauen Blinklichter entstand eine lustige Teerunde. Sie selber hatten hier draussen keine Verbindung mit ihrer Einsatzzentrale, weder über Telefon noch über Funk. Und so waren sie schon etwas beeindruckt, als wir eine SMS an das Handy ihres Chefs absetzten… Das war dann der Ausschlag für die Truppe, uns wieder schlafen zu lassen und ihrer Patrouillentätigkeit weiterzugehen.

Um fünf Uhr in der Früh der nächste lustige Weckruf: Ein Pferd wieherte neben unserem Klappdach. Hä? Träume ich? Zwei Bauern wollten wirklich vor Anbruch der Dämmerung ihren wilden Hengst hinter einem Pick-up gebunden ans Ende der Welt bugsieren. Nur, das Pferd hatte etwas Angst vor unserem geparkten Auto. Nach lautstarkem Zureden gewannen dann die beiden Gauchos und wir hatten wieder unsere Ruhe.

Sieben Uhr und die nächsten Autos rasten in einem Affenzahn an uns vorbei. Was für eine verschissene Nacht! Den ganzen vorherigen Tag kam gerade eine Familie vorbei und nachts wird die Piste dann zur Autobahn. An Schlaf war nicht mehr zu denken und so standen wir auf und kochten einen anständigen Kaffee.
Die Reparatur am Dieselfilterkopf vom Vortag machte einen stabilen Eindruck und so montierten wir die Leitungen wieder daran. Da die Befestigungsschrauben ja auch abgebrochen waren, bandagierten wir den Dieselfilter mit zwei Stoffstücken und klemmten ihn richtig hinter dem Schutzblech ein. Soweit so gut, alles hielt: Problem Nummer eins behoben. Aber wie entlüftet man ein Dieselsystem ohne entsprechende Pumpe?!? Wir führen die ganze Reise etwas Reserveschlauch und eine Schüttelpumpe mit uns herum, vielleicht ginge ja das. Mit viel Klebeband und angespitztem Reservedieselschlauch gelang uns eine «luftdichte» Verbindung zwischen Dieselleitung und der Schüttelpumpe aber wir schafften es nicht, genügend Unterdruck aufzubauen. Auch kräftiges Saugen daran brachte nichts ausser einen belämmerten Kopf. Mist.

Caro hatte dann die richtige Idee: Mit unserer Wasserpumpe bringen wir einen Druck von 8 Bar auf die Leitung. Das Trinkwassersystem wurde kurzerhand abgehängt (es würde schon Diesel in der Pumpe reichen, den bräuchten wir nicht noch in allen Leitungen…), eine dichte Verbindung zwischen Verlängerungsschlauch und Pumpe hergestellt und yes, es funktionierte! Meine Frau ist schon die beste! Und durch das super Teamwork schafften wir das ganze, ohne das ein Schluck Diesel in die Trinkwasserpumpe gelangte – was will man mehr? Kurz die Dieselleitung an den Motor angeschlossen und zwei Mal kräftig geörgelt. Brumm, brumm;  der Landy lief wieder!
Was für ein glückseliger Moment mitten im Nirgendwo.

Alles wurde zusammengepackt und los ging es. Aber wohin sollten wir denn fahren? Das südlichste Ziel unserer Reise hatten wir ja noch nicht geschafft und so weit war es ja eigentlich nicht mehr. Kurzentschlossen fuhren wir ohne Stossdämpfer und mit notdürftig zusammengeflicktem Dieselfilterkopf die 15 Kilometer bis ans Fin del Mundo. An den Arsch der Welt wäre wohl treffender ausgedrückt, denn ausser einer Marinestation gibt es dort wirklich nichts. Nach nicht einmal zwanzig Minuten hatten wir schon genug gesehen und kehrten wieder um. Vor uns lagen 92 Kilometer Schotterpiste bis zur Ruta National. Jedem Schlagloch wurde ausgewichen – ohne Dämpfer fühle es sich für uns an wie in einem Ozeandampfer bei Wellengang und zu viele Vibrationen wollten wir unserem Gebastel auch nicht aufzwingen. Bei 40km/h brauchten wir unsere Zeit, aber der Landy schaffte das.

Die Polizei wurde wie abgemacht verständigt, dass wir es ohne Hilfe aus dem Schlamassel geschafft hatten und so fuhren wir, zurück auf der Teerstrasse, das erste Mal seit Monaten wieder Richtung Norden, auf der Suche nach Ersatzteilen. Diese Odyssee ist aber eine andere Geschichte (und noch nicht ausgestanden). Dazu mehr im nächsten Bericht…

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