Die Odyssee

von | 28. April 2018

Oder die Suche nach Ersatzteilen

Wir haben schon länger nichts mehr geschrieben. Der Grund dafür ist die unerfreuliche Geschichte zur Beschaffung unserer Ersatzteile, welche sich zu einer Odyssey auswuchs. Nachdem wir den Materialschaden an Stossdämpfer und Diesefilterkopf am Ende der Welt hatten und uns dort wieder raus manövrierten (siehe Bericht «Gestrandet am Ende der Welt»), dachten wir, das Schlimmste sei geschafft. Doch leider weit gefehlt! Denn nun ging es an die Beschaffung der Ersatzteile…

Erster Anlauf

Dass wir in Ushuaia gar nicht erst zu suchen brauchten, wussten wir schon. Also fuhren wir schön langsam die ca. 240 km bis nach Rio Grande (Argentinien), was die nächst grössere Stadt ist, um dort einen Händler aufzusuchen.
Unterwegs kamen wir an einem riesigen Autoschrottplatz vorbei. Zusammen mit dem Besitzer fuhren wir das ganze Gelände ab, um einen Land Rover zu finden, der hoffentlich die gleiche Stossdämpfer-Halterung hat wie unser. Doch unter den rund 3‘000 Schrottautos liess sich kein einziges der Marke Land Rover finden. (Was mal wieder für die Marke spricht…!)
In Rio Grande wurden wir ebenfalls enttäuscht, denn der besagte Händler hatte für Land Rover nur Verbrauchsartikel wie Filter, jedoch keine Ersatzteile. Also versuchten wir es bei Ford Händlern, weil der «Ford Transit» den gleichen Motor und dementsprechend den gleichen Dieselfilterkopf hat. Leider hatten auch die nichts an Lager, es hätte von Buenos Aires herbestellt werden müssen.

Zweiter Anlauf

Also entschieden wir uns, weitere 420 km bis Punta Arenas (Chile) zu fahren. Dort gibt es eine «Zona Franca», wo man alle möglichen Autoteile sehr günstig kriegt. Immerhin konnten wir dort dann schon mal vier neue Reifen kaufen. Denn unsere MT‘s waren bereits sehr angegriffen und ein Reifen auf dem Weg nach Ushuaia geplatzt. Doch leider fanden wir auch dort niemanden, der uns die gesuchten Ersatzteile hätte liefern können.

Dritter Anlauf

Unsere letzte Hoffnung war dann ein Lieferant, den wir aus Santiago kannten. Also schrieben wir den per Mail an, ob er die Teile besorgen und uns senden könne. Er antwortete auch prompt, doch leider hatte er nur den Dieselkopffilter an Lager, jedoch nicht die Stossdämpferhalterung, welche er auch im System nicht finde und entsprechend nicht bestellen könne.
So langsam überkam uns die Verzweiflung. Offenbar ist das ein Teil, das höchst selten kaputt geht und daher nirgends vorhanden ist. Schweissen war auch keine Lösung, da es aus Gusseisen und ein «englisches Präzisionsteil» ist. Vielleicht hätte man jemanden gefunden, der uns dies neu machen könnte. Aber wir waren unsicher, ob das geht und dann auch hält.

Die Lösung

Und dann kam Hifi die Idee, dass wir es einfach direkt in England bestellen könnten. Der Lieferant gab auch an, dass er nach Chile versendet. Voller Euphorie machten wir also unsere Bestellung und nahmen gleich noch ein paar  Verschleisteile dazu. Am Schluss bezahlten wir inkl. horrenden Liefer- und Einfuhrgebühren gleich viel für wesentlich mehr Teile, als wenn wir nur die paar wenigen direkt in Santiago bestellt hätten. Es klang also alles nach einer sehr guten Lösung.

Die Wartezeit beginnt

Die erste Ernüchterung kam, als wir erfuhren, dass das Paket zehn Tage Lieferfrist hätte. Na gut wir hatten damit gerechnet, dass es ein paar Tage dauern könnte. Das Paket hatten wir auf einen Camping in Puerto Natales bestellt der in der Beschreibung gut klang und nochmals etwa 240 km weiter nördlich lag. Doch leider entpuppte sich der Camping dann nur als mässig toll. Es hatte keinen Windschutz, aber viel Wind, war saumässig kalt und regnerisch. Also nicht sehr gemütlich, um zehn Tage rumzusitzen. Zudem erfuhren wir, dass der Camping in den nächsten Tagen schliesse, weil die Saison zu Ende sei.
Also fragten wir beim Lieferant an, ob wir eine Adressänderung machen könnten. Zur Antwort bekamen wir einen Link auf die Website von DHL wo man Adressänderungen machen kann. Also gaben wir einen Camping an, der 44 km von Coyhaique entfernt liegt und den wir schon kannten. Das war nochmals 1’090 km weiter nördlich und wir hofften, dass das Wetter dort bereits wärmer sei. Zudem konnten wir einen Teil der Wartezeit mit Fahren verbringen.

Die Sache mit der Postleitzahl

Von DHL bekamen wir dann auch eine schriftliche Bestätigung der neuen Adresse. Leider war jedoch die Postleitzahl nicht richtig. Wir fragten also bei unserem Lieferanten in England nach, ob sie klären könnten, dass das Paket nun an die neue Adresse kommt oder nicht. Als Antwort bekamen wir einen Kontakt bei DHL Chile, welchen wir per Mail anschrieben mit der neuen Adresse und dem Hinweis der Postleitzahl.
Da es uns jedoch sehr verunsicherte, ob die Umleitung nun klappt oder nicht, harrten wir vorerst in Puerto Natales aus. Um die Wartezeit erträglicher zu machen, fuhren wir für drei Tage in den Torres del Paine Nationalpark zum Wandern.
Irgendwann bekamen wir dann eine Telefonnummer von DHL Chile, wo wir anrufen und uns erkundigen sollten. Na toll, telefonieren mit unserem Anfänger-Spanisch in Chile, wo sie besonders schnell und undeutlich sprechen! Zum Glück half uns dann jemand vom Camping. Mündlich bestätigten sie uns, dass die neue Adresse drin sei. Woraufhin wir beschlossen, nun nach Coyhaique zu fahren.

Die hinhalte Taktik

Am Vorabend des angekündigten Liefertermins kamen wir auf dem Camping an. Da am nächsten Tag das Paket jedoch nicht ankam, bot uns Nacho, der Besitzer an, bei DHL Chile anzurufen und nachzufragen. Dort erhielten wir die Antwort, das Paket sei immer noch in Santiago im Zoll. Na toll!
Am nächsten Tag besagte uns die Tracking-Nummer, dass beim Zoll alles erledigt sei. Dennoch tat sich weiterhin nichts. Wir riefen wieder an und fragten nach, wo das Problem sei. Die Antwort war etwas unklar, doch offenbar waren die Papiere innerhalb der DHL noch nicht von einem Zuständigen zum nächsten gewandert, weshalb das Paket beim Zoll nicht ausgelöst werden konnte.
Da wir selbst alle nötigen Papiere hatten, sendeten wir diese per Mail an die betreffende Person. Trotzdem ging auch danach mehrere Tage einfach nichts.
Von da an rief Nacho jeden Tag für uns an und fragte nach. Jedes Mal wurden wir vertröstet mit dem Versprechen, dass sie sich nun darum kümmern werden und dass auch die neue Adresse hinterlegt sei. Dennoch blieb das Paket einfach weiterhin beim Zoll liegen.

Die Unfähigkeit der DHL Chile

Nach knapp einer Woche kam dann endlich die Meldung, dass das Paket nun unterwegs sei. Die Freude bei uns war riesig.
Doch oh Schreck! Das Paket wurde doch tatsächlich auf den Weg an die falsche Adresse nach Puerto Natales gesendet. Wieder riefen wir jeden Tag bei DHL an um eine Umleitung zu veranlassen. Doch unser Ansprechpartner war offenbar unfähig und unwillig, uns zu helfen. Er gab uns nur die Auskunft, das Paket sei nun in den Händen einer Partnerfirma (BlueExpress) und liege in Punta Arenas. (Ob es jemals im Camping in Puerto Natales ankam und zurück nach Punta Arenas ging oder nicht wusste niemand.) Als wir ihn wiederholt baten, das Paket nach Coyhaique umzuleiten, antwortete er: «Das müsse ein Operator machen». Doch er weigerte sich, einen Operator zu informieren, denn: «Das sei nicht sein Job.» Auch wollte er uns keinen direkten Kontakt zur Abteilung Operations geben – welche wohl am Tisch neben ihm sitzt. Unfassbar!

Den Tiefpunkt erreicht

Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits seit zwei Wochen auf dem Camping am warten, zusätzlich zu den zehn Tagen Lieferfrist. Eigentlich hatte auch der Camping Torres del Simpson bereits seine Tore geschlossen, die Besitzer dulteten uns aber noch. Doch es wurde immer unerträglicher. Wir standen auf einer matschigen Wiese und es regnete praktisch jeden Tag, so dass bei uns langsam alles zu schimmeln begann. Zudem war es saumässig kalt, auch im Aufenthaltsraum. So blieben wir bis Mittags im Bett, weil es wärmer war und zumindest der halbe Tag schon vorbei. Hifi buck mehrere Kuchen um die Zeit zu vertreiben. Abends sassen wir mit den Besitzern Nacho und Sandra, sowie Roland (einem weiteren «gestrandeten» Schweizer) zusammen in ihrer warmen Küche oder am Feuer.
Doch das Schlimmste war, dass wir nie wussten wie lange wir noch warten müssten. Die Unfähigkeit, etwas in Gang setzen zu können und einfach nur warten zu mössen. Zudem bekamen wir immer wieder Versprechungen und hatten das Gefühl, dass jetzt endlich etwas geht – nur um am nächsten Tag wieder enttäuscht und vertröstet zu werden. Das Ganze zerrte extrem an den Nerven und ich selbst war kurz davor, die Reise abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Ich hatte definitiv den Tiefpunkt der Reise erreicht.

Hoffnung kommt auf

Schlussendlich versuchten wir noch, über Bekannte von Sandra das Paket in Punta Arenas auszulösen. Doch das ging leider auch nicht. Und dann kam ihr plötzlich die Idee, dass es in Coyhaique ein Büro der Firma BlueExpress gibt, welche das Paket hatte.
Gleich am nächsten Tag fuhren wir dorthin. Der Mitarbeiter war sehr hilfsbereit und gab eine Umleitung in Auftrag. Er erklärte uns, dass das Paket via Puerto Montt (nochmals ca. 600 km weiter nördlich) nach Coyhaique reise. Also liessen wir das Paket nur bis Puerto Montt in die Filiale liefern, um es dort abzuholen.
Zur Sicherheit gingen wir am nächsten Morgen nochmals vorbei und fragten nach, ob die Umleitung bestätigt sei. «Ja, alles in Ordnung», hiess es dort. Wir bekamen sogar eine Kontaktadresse und das Versprechen, dass es in drei Tagen, also am Freitag, dort sei. Yes, endlich!!!

Das Paket ist da

Um dem nassgrauen Wetter zu entfliehen, entschieden wir uns, die Anden zu überqueren und auf der argentinischen Seite hoch zu fahren. Am Freitag riefen wir von unterwegs bei dem Kontakt von BlueExpress an, um uns zu erkundigen ob alles klappt. Dort erfuhren wir, dass das Paket immer noch in Punta Arenas weile. Aaaarrgh!!! Doch die Frau meinte, wir sollen am Montag nochmals anrufen, sie werde sich darum kümmern. Ja, das kannten wir ja schon…
Wir entschieden dann, uns ein Hotel bis Mittwoch zu gönnen, da wir nicht erwarteten, dass vorher etwas geht. Doch am Montag bekamen wir die Antwort, das Paket sei unterwegs und komme am Dienstag Morgen an. Da wir der ganzen Sache noch nicht trauten, fuhren wir dann erst am Mittwoch nach Puerto Montt. Wir kamen um 16 Uhr im Büro von BlueExpress an. Doch kein Paket wartete auf uns. Die Frau am Schalter meinte jedoch, es sei noch ein Lastwagen mit einer Lieferung vom Flughafen unterwegs. Wir sollen doch um 18 Uhr nochmals kommen. Ja klar, als ob es nun genau mit dieser Lieferung kommen würde…, dachten wir uns. Dennoch standen wir um 18 Uhr nochmals dort. Wir wurden gebeten noch etwas zu warten, sie seien grad am entladen. Ohne grosse Hoffnung sassen wir im Auto und diskutierten, was wir machen sollten, da klopfte es an die Scheibe. Die Lady hielt mir einen Block zur Unterschrift unter die Nase. Ich konnte es nicht fassen und musste nachfragen. Da kam sie bereits mit dem Paket in den Händen daher und überreichte es uns. Hifi musste es in Empfang nehmen, denn ich war vor Freuden in Tränen aufgelöst. Noch nie hatte ich mich so über ein Paket gefreut!

Ende gut, nicht alles gut

Am nächsten Tag wurde gleich alles montiert und wir freuten uns wie kleine Kinder, dass es nun endlich weiter geht.
Doch oh Schreck, was war das für ein Geräusch?! Das hatten wir doch schon bevor alles passierte, danach aber nicht mehr. Nachdem wir verschiedenstes ausprobiert hatten, mussten wir feststellen, dass eben auch der Dämpfer kaputt war. Also musste nun noch ein neuer her. Wir rasten so schnell wir konnten auf der Autobahn nach Santiago hoch, wo wir kurz vor dem Wochenende am Samstag Vormittag noch einen Originaldämpfer organisieren konnten. Phuu, Glück gehabt!

Die traurige Bilanz

Schlussendlich brauchten wir fast sechs Wochen um die Ersatzteile zu beschaffen. Der Schaden passierte am 9. März. Die Ersatzteile bestellten wir am 14. März. Am 16. März erhielten wir die Versandbestätigung von England. Innert drei Tagen war die Lieferung in Santiago. Doch statt wie angekündigt am 27. März, erhielten wir das Paket erst am 18. April! Elf Tage nach dem Liefertermin!
Wieder einmal ein wunderbares Beispiel für die südamerikanische Arbeitsmoral! Immerhin wurden uns aufgrund unserer Reklamation die gesamten Lieferkosten vom Lieferanten in England zurückerstattet. Das ist wirklich fair. Doch von DHL selbst bekamen wir trotzt Reklamationsformular nie eine Reaktion.

Back on the road

Und dann endlich, endlich konnten wir unsere Reise wieder fortsetzen und geniessen. Mit Vollgas ging es in die wärmeren Regionen im Nordwesten von Argentinien. Von Chile hatten wir erstmal genug und verabschiedeten uns endgültig.
Wir sind so stolz auf unsere tapfere Black Lady. Sie fuhr uns vom südlichsten Punkt, teils über übelste Wellblechpisten, bis Puerto Montt mit nur drei Stossdämpfern und defektem Dieselfilterkopf. Das sind mit allen «Ausflügen» rund 4’300 km. Und das mit Hinkebein und zusammengeklebter Pulsschlagader! Unser Fazit: Stossdämpfer werden überbewertet, es geht auch mit dreien – man fühlt sich einfach wie auf einem Hochseedampfer bei Sturm in der Drake-Passage bei Ushuaia. 😉
In der Zwischenzeit wissen wir, dass am Stossdämpfer selber nichts defekt ist. Nur im oberen Auge ist die Teflonbeschichtung im sogenannten Uniball-Gelenk abgeschmirgelt und darum tönt es etwas sehr laut. Somit hätten wir uns den Originaldämpfer in Santiago sparen und uns dafür zwei Paar Gehörschutzpfropfen besorgen können…

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