Carretera Austral

von | 5. März 2018

Über Stock und Stein, durch Wald und Sumpf

Die Strasse gegen Süden versprach wieder eines unserer Reisehighlights zu werden. Vorneweg genommen: Wir wurden nicht enttäuscht!
Aber was macht den Reiz dieser Strasse überhaupt aus? Warum träumen so viele Overlander von der Austral?
Wenn man die Landkarte anschaut sieht man, dass ganz im Süden des Kontinents – im sogenannten Patagonien – sowohl Argentinien wie auch Chile Ländereien besitzen. Und wenn man die Geschichtsbücher aufschlägt liest man, dass im Jahre 1976 in Chile ein Despot namens Augusto Pinochet herrschte und in Argentinien eine Militär-Junta regierte. Die beiden Länder lagen seit längerem im Streit, wer denn jetzt Anrecht auf welche Stücke Land hätte. Argentinien hatte zu dieser Zeit einen strategischen Vorteil: Die Ruta 40 verband das Land von Norden bis ganz in den Süden des Festlandes, immer schön den Anden entlang. Das war natürlich einem Menschen vom Schlag eines Pinochet ein Dorn im Auge. Innert ein paar Tagen wäre es den Argentiniern nämlich möglich gewesen, ein grosses Heer nach Patagonien zu dislozieren und Besitzansprüche auf der chilenischen Seite der Anden durchzusetzen. Und so rief der Diktator eines Tages seine Generäle zu sich und befahl, eine Carretera Austral, eine Strasse gegen Süden zu bauen. Dieser einfache Satz hat wohl manch einem militärischen Führer und Ingenieur die nachfolgenden Jahre einige schlaflosen Nächte beschert…
Unter der Leitung der militärischen Pioniertruppen planten und bauten rund 10’000 Leute die berühmteste Strasse von ganz Südamerika. Vom Start in Puerto Montt bis zum Ende in Villa O’Higgins sind das rund 1247 Kilometer – entlang von Fjorden in den Fels gesprengt, durch urchige Wälder, über steile Hügel und quer durch sumpfige Ebenen. Toller Auftrag! Es dauerte schlussendlich bis zum Jahre 2000, bis das verschlafene Dorf Villa O’Higgins erreicht war und bis heute braucht es drei Fährpassagen, weil ein Strassenbau bisher technisch einfach nicht machbar war. Unzählige Arbeiter sind bei den äusserst anspruchsvollen Arbeiten ums Leben gekommen und in Argentinien wie auch in Chile waren in der Zwischenzeit etwas demokratischere Regierungen an der Macht. Die beiden Länder hatten zudem gemerkt, dass sie ihre Ressourcen besser für produktivere Angelegenheiten einsetzten als gegeneinander Krieg zu führen – für etwas Land, welches am Arsch der Welt liegt.

Und wer braucht heute diese Carretera? Klar gibt es ein paar Einheimische mit ihren roten Pick-ups und ab und zu gibt es sogar einen Fernreisebus oder einen LKW. Aber 95% der Strassenbenutzer sind heute Touristen! In der Hauptsaison zwischen Dezember und März sieht man alle hundert Meter wieder einen Overlander – man grüsst sich nur noch und hält nicht mal mehr an, wie sonst überall auf dieser Welt, wenn man mal wieder andere Reiseverrückte trifft. Abends findet man kaum einen schönen, windgeschützten Platz, wo nicht schon ein paar Velofahrer todmüde ihr Biwak aufgeschlagen haben, nachdem sie wieder einen Tag mehr gegen den Wind ankämpft haben. (Aus Prinzip kommt der Wind immer von vorne 😉). Und in den Nationalparks wandern duzende (manchmal auch hunderte) von Leuten gleichzeitig zum Vulkan empor…
Aber schlussendlich ist das ja auch gut so. Es spricht für die Schönheit der Natur, für die friedvolle politische Lage und für die Herzlichkeit der Einheimischen, wenn so viele Menschen diesen Teil von Chile besuchen und hier etwas Geld ausgeben.

Mein persönlicher Tipp für die Carretera (danke Cel): 48 Kilometer nach Cochrane Richtung Süden, kurz nach dem Abzweiger nach Ñadis gibt es ein kleines Häuschen mit einem etwas unscheinbaren, handgeschriebenen Schild davor. Da drinnen trifft man zwei ganz liebe ältere Leute. Zu warmen Brötchen gibt es hausgemachte Confiture und etwas Heisses zu trinken. Und dazu Erinnerungen aus einer Zeit, als es noch keine Carretera Austral gab, als nur ein einfacher Säumerpfad und ein stundenlanger Ritt zu den Nachbarn führte.

Würden wir die Strecke wieder mal fahren? Aber klar doch! Einfach das nächste Mal zur Winterszeit, dann ist nämlich etwas weniger Wasser im Rio Mayer und mit unserem Landy wäre es offroad möglich – über den Paso Mayer – direkt nach Argentinien zu reisen. Oder dann erst in zehn bis zwanzig Jahren wieder. Bis dann sollten nämlich die nächsten 1000 Kilometer fertiggestellt sein: Von O’Higgins bis Puerto Natales.

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