Bei den Witotos zuhause

von | 31. August 2017

Gestrandet in Ecuador

Als wir Anfang August in Ecuador ankamen, blieben wir gleich eine ganze Woche auf dem ersten Camping, der Finca Sommerwind hängen. Das ist ein Campingplatz, der von einem deutschen Paar geführt wird. Dieser friedliche Ort hat sich zu einem Hotspot für Reisende entwickelt und wird von fast allen Durchreisenden mit Autos genutzt. Entsprechend trafen wir dort auch viele Reisende an und genossen das gesellige Zusammensein.

Einmal machten wir noch einen kleinen Tagesausflug nach Otavalo. Dort gibt es einen riesengrossen, farbenfrohen Markt. Das war wirklich ein Besuch wert und wir kauften viele schöne Sachen, während wir gemütlich durch die Marktstände schlenderten. Die Verkäuferinnen tragen bunte Trachten und die Waren welche sie verkaufen, sind uns oft unbekannt. Wir durften aber auch viele neue Früchte probieren, wenn wir fragten was das denn sei.

 

Nach einer Woche fanden wir es dann an der Zeit, etwas weiter zu ziehen um mehr von Ecuador zu entdecken. Weit kamen wir zwar nicht.

Wir fuhren ins Amazonasgebiet nach Coca, wo wir eine sehr spannende Tour in den Jungel machten (siehe vorheriger Bericht). Fünf Tage dauerte die Tour mit den Witotos. Danach lud uns die Familie Grefa zu sich nach Hause ein. Wir seien willkommen, um noch etwas zu bleiben, falls wir wollen. Wir wollten. Denn zum einen waren uns Enrique und Carola bereits sehr ans Herz gewachsen und ihr Zuhause direkt am Fluss ist idyllisch. Zum andern hatte Hifi Lust, mal wieder ein bisschen zu werkeln und hier gab es gaaaanz viel zu tun. Da leuchteten seine Augen gleich auf vor lauter Ideen und Tatendrang. Wir entschieden uns also, hier ein paar Tage zu bleiben und etwas zu helfen, wo wir konnten. Zum Schluss blieben wir über eine Woche, also insgesamt etwa zwei Wochen in Coca (inkl. Amazonas-Tour).

 

Die Familie Grefa

Bei der Familie Grefa wohnen Enrique und Carola und zwei ihrer Töchter, Doris und Talia. Der Sohn Freddy ist mit einer deutschen Frau, Kerstin, verheiratet und wohnt gleich nebenan in einem Haus. Sie haben zwei kleine Jungs. Alle zusammen führen sie das Touristenunternehmen Witoto Tour, das Touren in den Jungel und auch kurze Exkursionen auf dem Fluss und zu ihnen nach Hause anbietet. Sie wohnen direkt am Fluss und bewegen sich meistens mit dem Kanu zwischen ihrem Haus und der Stadt hin und her. Ihr Zuhause ist sehr einfach eingerichtet und dennoch komfortabler als manch anderes was wir gesehen haben. Sie haben zudem einen Hausaffen, Dominga, welcher sich frei bewegt aber immer da bleibt. Sie kommt immer am Ast herunter und spielt mit einem oder freut sich über Früchte. Manchmal kommen auch noch andere kleine Äffchen im Rudel vorbei und spielen ein bisschen in den Bäumen herum.

 

Es gibt viel zu Tun…

Am liebsten hätte Hifi den Grefas ja eine neue Treppe vom Fluss her gebaut. Am besten gleich inklusive neuem Steg und Floss zum Anlegen. Diese Idee stiess zwar auf offene Ohren bei den Jüngeren, jedoch war der Senior (Enrique) offensichtlich nicht ganz so begeistert. Das bisherige tat es ja auch noch. (Obwohl die Stufen morsch sind, das Floss fast auseinander fällt und alles zusammen sehr gefährlich zu begehen ist. Und die brauchen das jeden Tag, da es der Zugang zu ihrem Zuhause ist. Zudem kommen auch alle paar Tage Touristen vorbei für eine Führung…)

Also half Hifi beim Flicken des alten Kanus, welches Enrique wieder instand setzen will, wobei er viel über Bootsbau gelernt hat. Und ich liess mich darauf ein, ihnen eine neue Website zu machen, oder zumindest dabei zu helfen. Diese ist aber leider bis jetzt noch nicht fertig und online.
Es hat uns Spass gemacht zu helfen und die Familie freute sich sehr darüber. Doch wir stiessen auch immer mal wieder an Grenzen. Zum einen fehlt es hier einfach am Geld. Trotz der Arbeit im Tourismus verdienen die Grefas nicht sehr viel. Kerstin arbeitet als Sozialarbeiterin in einer Schule und finanziert so vieles mit.
Zudem ist die Einstellung hier so, dass man nichts an Lager hat. Man kauft immer alles erst dann, wenn man es wirklich braucht und auch dann nur genau so viel, wie man braucht. So gab es keinen einzigen Nagel oder eine Schraube im Haus um z.B. das Gartentor zu reparieren. Hifi ging also zuerst mal ein bisschen Einkaufen, und das in den nächsten Tagen noch mehrmals.

 

…und viel zu Lernen

Wir bekamen eine gratis Führung, welche sie andern Touristen anbieten. Dabei erklärten sie uns die traditionellen Waffen und wie sie Schmuck herstellten. Zudem «durften» wir (es war zwar eher ein «müssen»), uns als Häuptling und Frau verkleiden mit traditioneller Kleidung. Naja, ich mag solches Zeug ja nicht so, aber lustig war’s dann trotzdem.

Unser Spanisch wird wohl auch langsam immer besser. Denn man muss viel zuhören und bekommt die ganze Familiengeschichte und sonst noch alles mögliche (und unmögliche) erzählt. Zudem muss man sich ja irgendwie verständigen und auch wenn uns für vieles noch die Gestik und Mimik hilft, so lernen wir doch auch immer mehr Wörter dazu. Aber was gibt es besseres als das, um eine Sprache zu lernen?!

Und Hifi weiss jetzt auch, wofür man (Mann) alles eine Machete gebrauchen kann. Also als erstes mal, um den Jungel auszulichten und alles tot zu hacken, was einem über den Weg läuft. (Soweit kennen wir den Gebrauch einer Machete ja auch noch.) Aber man kann mit einer Machete auch Blech schneiden, Holz hacken, Bäume fällen und zerkleinern. Natürlich auch alles ablängen und kürzen. Und noch vieles, vieles mehr. Ein Wunder, dass sie diese nicht auch zum Kochen und Essen gebrauchen. Eine Machete ist eigentlich eine Verlängerung des Arms und wird mit viel Geschick und Präzision eingesetzt. Die Männer brauchen sie für fast alles und fangen schon von Klein auf an zu üben. Aber sie wird auch von Frauen benutzt.
Hifi hat nun natürlich auch eine…!

 

Nächtlicher Ausflug

Eines Abends, wir waren schon im Bett, kam Carola weinend zu uns und sagte, dass ihre Tochter krank sei. Diese wohne aber etwa 15 Kilometer ausserhalb der Stadt und sie hätten keine Möglichkeit, zu ihr zu gelangen. Natürlich boten wir an, sie hin zu fahren. Wir krochen also zu viert in unser Auto und fuhren los. Zuerst mussten wir jedoch in die Stadt, um Medikamente zu besorgen (wie gesagt, sie haben nichts vorrätig zu Hause). Es war bereits 11 Uhr nachts und wir suchten eine Weile, bis wir eine Notfallapotheke fanden, die noch geöffnet war. Danach fuhren wir zur ältesten Tochter Susanna, deren Haus wir im dunkeln zuerst nicht mal fanden. Nach mehrerem Hin- und Herfahren, fanden wir es dann endlich. Enrique und Carola gingen dann sofort zu ihrer Tochter und wir warteten einfach im Auto. Enrique hat dann eine «Reinigung» mit Asche aus der Feuerstelle und Limonen gemacht. Zumindest hat er uns das so erklärt. Es muss jedenfalls geholfen haben, denn am nächsten Tag ging es Susanna offenbar schon wieder besser. Nach etwa einer Stunde fuhren wir dann alle zusammen wieder zurück und konnten auch noch ein bisschen Schlafen. Enrique und Carola hatten jedoch am nächsten Tag eine Tagestour und mussten bereits um 5 Uhr wieder bereit sein, die Armen!

 

Enrique wird 60

Hier werden Geburtstage nicht sehr aufwändig gefeiert und Enrique meinte auch, er brauche keine Feier. Trotzdem organisierten die Frauen ein kleines Fest, wo die ganze Familie mit Kind und Kegel eingeladen wurden. Wir und die beiden andern Schweizer die hier sind, Sämi und Urs, waren natürlich auch eingeladen. Am Samstag standen alle Frauen in der Küche und es wurde gekocht und vorbereitet für den Sonntag. Und dann verschwand Enrique am Sonntag einfach! Er sagte, er gehe kurz in die Stadt und komme dann wieder. Nur dass er dann einfach nicht mehr auftauchte. Oje, da war dann schlechte Stimmung im Haus und man ging ihn suchen. Nach Stunden, spät am Abend, fand ihn der eine Sohn dann irgendwo bei einem Freund am Bier trinken und brachte ihn ziemlich angetrunken wieder nach Hause. (Man muss wissen: Wenn man in Ecuador zum Trinken eingeladen wird, dann darf man nicht nach einem Bier aufhören, sondern muss gleich gaaaanz viele trinken.) Haha, das war ja eine Gaudi! (Wir vermuteten ja, dass er eigentlich vor der Feier geflohen ist.)
Doch nun konnten wir endlich mit Essen beginnen und das Fest war gerettet. Am Schluss wurde dann noch eine Torte mit Kerzen gebracht. Enrique musste sie ausblasen und bekam zum Dank die Torte ins Gesicht gedrückt! Das ist offenbar ein Brauch hier und alle hatten mega Spass dabei. Für uns war es ein schöner und spannender Abend mit viel Gelächter und gutem Essen.

 

Abschied nehmen ist schwer

Der Abschied von dieser herzlichen und liebenswerten Familie fiel uns sehr schwer! Sie wollten uns auch fast nicht gehen lassen und es flossen sogar ein paar Tränen. Doch das gehört halt leider beim Reisen auch dazu. Wir werden noch lange an sie denken und die Erlebnisse in Erinnerung behalten. Muchas Gracias por todos! Wir habe euch alle fest ins Herz geschlossen!

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