Vom Overlander zum Backpacker

von | 20. Oktober 2018

Ciao Landy, hola Mochila

Die Letzten Tage auf dem Camping waren schwierig für mich. Unsere Helfer Tobias, Andreas und Sandra sind irgendwann weiter gezogen und auch der sonst so volle Camping in Cusco war plötzlich sehr verlassen. Da wir grad wieder Wochenende hatten, mussten wir warten bis Anfang Woche, um irgendetwas für den Heimtransport organisieren zu können. Und zu unserem Pech waren am Wochenende Wahlen und am Montag nochmals alles geschlossen. Also sassen wir drei Tage lang rum, ohne dass was ging. Es erinnerte mich stark an unsere Warterei in Patagonien (siehe «Die Odyssee»). Denn mittlerweile sassen wir schon wieder seit Wochen fest, waren ausgeliefert und konnten einfach nur abwarten. Ich hatte langsam so richtig die Schnauze voll davon. Wenn ich mir vorstellte was wir in dieser Zeit noch alles hätten erleben und sehen können… Stattdessen verbrachten wir den Rest unserer Reise nur noch mit Warten. Ein Scheissgefühl! Gerade auch weil das Wetter sehr wechselhaft war. Im Minutentakt wechselte es von sonnig auf bewölkt, von warm auf kalt. Und sobald es am Abend eindunkelte, wurde es richtig saukalt. Dann konnte man entweder in die Stadt, um sich in einem Restaurant aufzuwärmen oder früh unter die Decke kriechen.
In solchen Momenten überkam mich dann die Melancholie und ich fühlte mich hilflos und traurig. Da hatte ich vor ein paar Monaten noch Heimweh. Und nun, wo die Reise so abrupt endet, wurmt es mich richtig. Klar, wir können zum Glück sagen, dass unsere Reise ja eh schon kurz vor dem Ende war. Wir wären nur noch etwa zwei Monate unterwegs gewesen und das meiste haben wir bereits gesehen. Zudem werden wir auch jetzt noch ein bisschen weiter reisen und vor allem Städte besuchen, welche zu Fuss sowieso angenehmer sind. Aber das Reisen ohne Auto ist für uns einfach nicht mehr das Gleiche. Unsere Lady wird uns fehlen. 

 

Die Lady wird abgeführt

Am Dienstag machten wir uns dann auf die Suche nach einer «Grua» (Abschleppwagen – hätte nie gedacht, dass ich so ein Wort mal auf Spanisch lernen würde) und einer Transportmöglichkeit nach Lima. Es zeigte sich, dass es mal wieder von Vorteil ist, dass wir mittlerweile relativ gut Spanisch sprechen. Denn als wir dem Taxifahrer unsere Geschichte erzählten, half er gleich aktiv bei der Suche mit. Er kam uns am nächsten Tag sogar nochmals beim Camping abholen und fuhr uns im ganzen Industriegebiet herum, zu diversen Amigos von ihm, sowie zu allen möglichen Logistikfirmen. Echt süss! Schlussendlich beauftragten wir eine Firma, die einigermassen seriös wirkte, unser Auto für 1’500 Soles (ca. 450 CHF) nach Lima zu fahren. Dazu kam noch der Abschleppwagen vom Camping zur Firma für 150 Soles. Wir hätten es auch für 700 Soles haben können – auf einem Gemüsetransporter. Aber ganz so fest sind wir doch noch nicht anklimatisiert an Südamerika und setzen lieber gut schweizerisch auf etwas mehr Sicherheit. 😉
Da in Lima im Hafen am Wochenende niemand arbeitet, entschieden wir uns, den Transport auf Freitag zu legen, so dass das Auto am Montag dort und bereit zum Verlad in den Container ist. Von da an ging alles plötzlich ganz schnell. Das Auto für den Transport fertig machen, Packen für die Weiterreise mit Koffer und Rucksack, sowie noch alle frischen Lebensmittel ausräumen und aufbrauchen. Und dann kam auch schon unsere letzte Nacht im Landy. Etwas traurig waren wir schon, auch wenn es eine dieser saukalten Nächte war, denen ich keine Sekunde nachtrauere.
Am Freitag Morgen wurden wir pünktlich(!) um 10 Uhr abgeholt. Das Aufladen war problemlos und ebenso die Fahrt durch die Stadt. Etwas brenzlig wurde es dann erst, als es darum ging, den Landy vom Abschleppwagen auf die etwas erhöhte Plattform zu bringen, von der aus dann der Lastwagen beladen wurde. Mit ein paar Paletten und Brettern brachten wir eine Rampe zustande, über die der Landy hochfahren konnte, was mit stark reduzierter Leistung schon ein bisschen ein würgen war. Dafür ging‘s danach flott in den Lastwagen rein. Bis hier hatte alles super geklappt – nicht unbedingt selbstverständlich in Südamerika. Und nun hiess es: Gute Fahrt, Black Lady! Wir sehen uns in Lima wieder.

 

Eine Steilvorlage 

Wir entschieden uns, mit dem Bus nach Lima zu fahren. Einerseits ist es am günstigsten und andererseits dachte ich, dass ich so noch etwas von der Landschaft mitbekomme. Schlussendlich war es ein ziemlich harter Einstieg ins Backpackerleben. Denn die Fahrt ging 21,5 Stunden ohne einen Halt! Ich wusste am Schluss nicht mehr wie liegen oder sitzen und Hifi war zu gross, um sich richtig auszustrecken. Zudem bekam ich vom lauwarm servierten Abendessen (natürlich Reis und Hühnchen, was sonst?) auch noch Durchfall. Zu meinem Leid stellte sich das WC im Bus als reines Pissoir heraus; also 20 Stunden lang verkneiffen. Juhuu, das fägt! 😝 Von der Landschaft hatte ich auch nicht viel, denn zwischen den immer wieder zufallenden Vorhängen war es schwierig rauszuschauen. Vielleicht war das auch besser so, dann sah ich die steilen Abhänge und kriminellen Kurven nicht so genau. Nebenbei wurde im Dauerbetrieb ein Film nach dem andern auf den Bildschirmen gezeigt, beschallt in guter Lautstärke über die Boxen. Es gab kein Entrinnen und an eigene Unterhaltung wie z.B. Lesen war nicht zu denken. Es ist auch ein ziemlich komisches Gefühl, Filme mit entgleisenden Zügen oder ausser Kontrolle geratenen Autos zu schauen, währenddem man in einem schwankenden peruanischen Kamikaze-Bus sitzt und bei Nacht durch die Anden brettert. Das ist dann 4D-Kino. Phu, was für ein Marathon! So macht Reisen keine Freude. ICH WILL MEINEN LANDY ZURÜCK!!!

 

Touristenfalle

In Lima hat sich dann gleich nochmals gezeigt, dass uns die Umstellung aufs normale Touristen-Dasein noch etwas schwer fällt. Berauscht durch das angenehme und einfache Leben im Hotelzimmer mit eigenem Bad, liessen wir uns dazu verleiten, eine Tour zu buchen. Mit Abholservice direkt vor dem Hotel. Wow so bequem! Wir wollten eine Abendshow mit beleuchteten Springbrunnen besuchen. Nachdem wir über eine Stunde in der Lobby gewartet hatten, kam uns schon langsam der Gefanke, ob wir vielleicht nicht doch besser auf eigene Faust zu diesem Park gefahren wären. Als wir dann endlich abgeholt wurden und beim Eingang sahen, was der Eintritt gekostet hätte, ärgerten wir uns grün und blau. Wir waren voll in die Touristenfalle getappt. Zum einen realisierten wir zu spät, dass die Preise auf dem Flyer in USD statt in der Landeswährung Soles angegeben waren, was den Preis verdreifacht. Wir bezahlten also 30 USD um während 1.5 Stunden dem Guide wie Kinder durch den Park zu folgen und nicht mal alles ansehen zu dürfen (weil wir ja Verspätung hatten). Dabei hätten wir für 4 Soles (ca. 1.2 USD) den Park alleine in unserem eigenen Tempo besuchen können!
Wir müssen sofort umdenken und uns wieder wie Overlander verhalten, welche alles selber erkunden. Denn normalerweise hätten wir so eine geführte Tour nie gemacht. Das ist voll nicht unser Stil. Keine Ahnung, was uns da geritten hat! Aber irgendwie hat uns die Umstellung auf Hotelzimmer wohl etwas die Sinne vernebelt. Auch sonst müssen wir noch etwas umdenken. Denn bisher hatten wir uns die paar wenigen Male, wo wir in ein Hotel gingen, immer was anständiges geleistet. Ein bisschen Luxus zur Abwechslung. Doch ab jetzt sind wir jede Nacht in einer Unterkunft und für den Rest der Reise können wir uns nicht ständig solchen Luxus leisten. Wir müssen also auch da noch herausfinden, was für uns das richtige ist. Es gibt ja viele verschiedene Möglichkeiten.

 

Glorreiches Peru

So langsam wird uns bewusst, wie unterschiedlich man ein Land wahrnehmen kann, je nach dem wie man reist. Der Durchschnittstourist kommt wahrscheinlich hier in Lima an, besucht ein paar Museen, macht einen historischen Tagesausflug und geht in ein teures peruanisches Gourmet-Restaurant essen. Danach geht’s zu weiteren Highlights wie den Nasca-Linien, Cusco, Machu Picchu und vielleicht noch ein paar Tage in einer Lodge im Amazonasgebiet. Alles gepflegt, idyllisch, interessant und wunderbar für Touristen aufbereitet. Peru hat auch wirklich viel zu bieten und kann stolz auf seine beeindruckende historische und kulturelle Vergangenheit blicken. Dennoch bleibt für uns einfach immer ein gewisser schaler Beigeschmack zurück und wir schauen eher skeptisch auf diese Glorifizierung.
Denn durch unsere bisherige Art des Reisens, quasi durch die Hintertür, sahen wir viel vom realen Leben in diesem Land. Ausserhalb der Millionenmetropole Lima und abseits der Touristenpfade, erwartet einen das harte und karge Leben. Da sieht man zwar wirklich die schönen bunt gekleideten Frauen, doch hat das wenig romantisches oder idyllisches mehr, wenn sie bei eisigen Temperaturen nur in Sandalen rumlaufen und Lamas hüten. Oder mit einer Spitzhacke von Hand versuchen, etwas anzubauen und dem kargen Land ein bisschen Essbares zu entlocken. Die hygienischen Bedingungen sind ebenfalls katastrophal. Zwar hat irgendjemand mal überall kleine Toiletten- und Duschhäuschen aufstellen lassen, doch werden diese offensichtlich nicht benutzt. Was ja kein Wunder ist, da vielerorts wohl die Wasserversorgung Mangelware ist. Von dem vielen Abfall im ganzen Land habe ich ebenfalls bereits berichtet.
Da kommt mir dann schon auch mal der Gedanke, dass sich die Ahnen der Peruaner wohl im Grab umdrehen würden, wenn sie wüssten was für ein Saustall aus ihrem Land geworden ist. Und ich finde, dass die Politiker dieses Landes mal etwas dagegen unternehmen müssten. Aber nein, man macht lieber in der Wüstenstadt Lima, der zweittrockensten Stadt der Welt (nach Kairo), einen Springbrunnenpark. Hier wo es nie regnet und die Elf-Millionenstadt von nur drei Flüssen mit Wasser beliefert wird. Wo nicht mal alle Einwohner fliessendes und frisches Wasser haben. Aber den Touristen wird ein Spektakel mit Lichtshow und schönen Bildern geliefert – und vielleicht den armen Bewohnern ab und zu eine Dusche unter dem Springbrunnen…? Für mich jedenfalls ist das Symbolik und Ironie pur.
Aber halt, ich bin schon wieder am lästern. Dabei wollte ich euch ja vor allem berichten, wie wir die Umstellung vom Overlander zum Backpacker erleben. Aber genau diese verschiedenen Eindrücke und Erlebnisse machen für mich den Unterschied so deutlich. Und genau das ist es auch, was ich so interessant finde am Reisen generell. Es öffnet neue Ansichten und regt zum Nachdenken an. 

Wie wir uns sonst noch so mit den Peruanern rumschlagen und wie es mit unserem Landy weiterging, das erzählen wir euch im nächsten Blog. Nur mal so viel zum Voraus: Die Lady kam zumindest schon mal heil in Lima an.

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