Vielfältiges Kuba

von 16. Dezember 2018

Wo Sozialismus und Kapitalismus aufeinander prallen

Warum haben wir uns entschieden, die letzte Station unserer Reise ausgerechnet in Kuba zu verbringen? Das fragte ich mich anfangs, als wir in Havanna landeten und ich eigentlich schon ziemlich Reisemüde war. 
Doch nachdem wir unseren Landy in Lima auf die Heimreise gesandt hatten, mussten wir entscheiden, was wir nun noch machen. Unsere Wohnung in der Schweiz war noch bis Ende November vermietet und Südamerika hatten wir ja jetzt gesehen.  
Da kam plötzlich die Idee von Kuba auf. Ein Land von dem wir bereits viel gehört hatten, jedoch wenig darüber wussten. Dazu ein Land, welches man wohl eher nicht mit dem eigenen Auto befahren kann. Wir entschieden uns zudem, nochmals eine Sprachschule zu besuchen um unsere Spanisch-Grammatik etwas aufzupolieren. Und ein paar Tage Sonnenbaden am Strand durften auch nicht fehlen.

 

Kuba ist bunt und vielfältig 

Doch wie war Kuba nun so für uns? 
Kuba ist ein Gemälde. Es schillert in Pastellfarben und lebt von Gegensätzen. Sanft und friedlich. Bunt und kraftvoll. Sozial und dennoch unfair. Schön, aber auch schmutzig. Aufstrebend und gleichzeitig rückständig. Und irgendwie in der Zeit gefangen. 

 

Willkommen in Kuba

Schon bei der Einreise zeigte uns Kuba, wie es hier so läuft. Wir waren zu ehrlich und haben unser GPS angegeben, welches wir dabei hatten. Prompt wurde uns erklärt, dass wir dies nicht ins Land bringen dürfen und es am Zoll deponiert werden muss. Alles Argumentieren, dass jedes moderne Smartphone dasselbe könne, nutzte nichts. Nach über einer Stunde am Zoll, reisten wir schlussendlich ohne GPS ein. Wir konnten also unsere Route in Kuba leider nicht aufzeichnen.   

 

Kuba und seine Autos

Kuba ist bunt: Angefangen bei den Oldtimer Autos, welche an die glorreichen 50er erinnern und überwiegend die Strassen bevölkern. Man nennt sie hier «Almendron», weil sie an die Form einer Mandel erinnern (auf Spanisch Almendra). Die Farben blättern häufig schon von der Karosserie, doch liebevoll werden sie immer wieder von Hand aufgefrischt. Am liebsten in Rosatönen oder Hellblau. Ersatzteile sind schwierig zu kriegen, doch mit viel Fantasie werden sie aufgepäppelt. Denn diese Autos sind ihr ganzer Stolz. Und heutzutage eine wichtige Einnahmequelle. Denn wer ein Auto hat, kutschiert lieber Touristen durch die Gegend, als im erlernten Beruf zu arbeiten. Dies ist viel lukrativer. Doch dazu später mehr. 

 

Kubas Kolonialerbe

Speziell in Havanna, aber auch in andern Städten, erinnern stolze Häuser aus der Kolonialzeit an früheren Reichtum und längst vergangene Zeiten. Und zwar nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Stadtteile. Doch auch hier nagte die Zeit an den Fassaden. Vieles ist total zerfallen und teils mit Pflanzen bewachsen. Was die Leute jedoch nicht daran hindert, trotzdem darin zu wohnen. Farbige Wäsche ziert dann die Fenster und Balkone. Durch offene Fenster sieht man direkt in die bunten Wohnzimmer rein. In den Türeingängen sitzen die Bewohner und unterhalten sich mit den Nachbarn oder spielen Domino. Das Leben spielt sich praktisch auf der Strasse ab. 
Die Regierung investiert nun viel Geld – welches durch den Tourismus ins Land fliesst – in die Renovierung der Gebäude. Überall erstrahlen frisch gemalte Fassaden in kräftigen Pastellfarben. Mit Farbkombinationen, welche kitschiger nicht sein könnten; Hellrosa mit Lindgrün, Himmelblau mit zartem Gelb, Türkis mit Braun. Einfach herrlich erfrischend! 😄
Der Kontrast zu den zerfallenden Gebäuden, welche Seite an Seite stehen, könnte nicht skurriler sein. Und dennoch entsteht gerade dadurch eine ganz eigene Schönheit, die fasziniert und einen in Bann zieht. 

 

Kuba ist teuer

Faktisch jeder Peso, der von einem Touristen in einem staatlichen Unternehmen ausgegeben wird (die meisten Hotels, Restaurants und vieles sonst), wird in die Erhaltung der Stadt, sowie in soziale Institutionen gesteckt. Das ist die schöne Seite der Medaille. Trotzdem fühlte ich mich hier als Tourist öfters über den Tisch gezogen und ausgesaugt. Als wäre man ein Goldesel, dem man nur tief genug in den A… kriechen muss, um ihn dann möglichst gut auszunehmen. 
In Kuba gibt es zwei Währungen, was das ausquetschen der Touristen noch erleichtert. Denn wenn zum Beispiel für die Einheimischen ein Eintritt 6 CUP kostet, für die Ausländer jedoch 6 CUC, dann ist dies das 25ig-fache! (25 CUP = 1 CUC = 1 CHF) Und dies zieht sich durch alles. Ich bin gerne bereit, als Tourist etwas mehr zu bezahlen, da ich ja Gast bin und somit die Bevölkerung unterstütze. Doch es sollte in einem annehmbaren Verhältnis sein.
Ich würde es ja noch verstehen, wenn das Volk selbst auch mehr verdienen würde. Doch hier prallen der Sozialismus und der Kapitalismus brutal aufeinander. Denn wer in seinem erlernten Beruf arbeitet und vom Staat bezahlt wird, erhält nur einen Bruchteil von dem, was andere im Tourismus verdienen. Während ein Arzt oder eine Uniprofessorin ca. 100 CUC pro Monat verdienen, verlangt ein Taxifahrer pro Fahrt (in Havanna) zwischen 10 und 15 CUC. Oder ein Casa Particular (Private Unterkunft) verlangt 20 bis 30 CUC pro Nacht. Wer rechnen kann merkt schnell, wie unverhältnismässig dies ist. Kuba ist wohl das einzige Land, wo Taxifahrer mehr verdienen als Ärzte! Kein Wunder also, dass immer mehr gebildete Leute ihren Job aufgeben, oder die Jungen gar nicht erst studieren wollen, sondern lieber im Tourismus arbeiten. Da wird sich die Regierung in Zukunft etwas einfallen lassen müssen. 

 

Kuba ist stolz

Die Kubaner sind ein stolzes Volk. Sie lieben ihr Land und vergöttern ihre Revoluzer. Es gibt auch einiges, worauf sie wirklich stolz sein können. So zum Beispiel auf ihr Gesundheitswesen und das Bildungssystem. Beides gratis und die Schule obligatorisch. Eine Lehrerin meinte zu uns, Kuba kenne zwar durchaus auch Armut, doch seien die armen Leute hier dennoch besser gestellt, da sie gebildeter seien als in manch anderen Ländern. Kuba habe auch Analphabeten, doch seien es unter 1%. Das schafft nicht mal die Schweiz! Zudem ist Kuba auch stark in der Biotechnologie, stellt weltweit gefragte Medizin her und sendet Ärzte in die ganze Welt. (Dieselbe Lehrerin meinte dazu jedoch auch: «Da können wir so etwas wie die Krebskrankheit kontrollieren, schaffen es aber gleichzeitig nicht, das Abfallproblem in den Strassen zu bewältigen!» Leider wahr.)
In Kuba herrscht zudem absolute Lohngleichheit und die Frauen haben sich schon sehr früh in der Geschichte emanzipiert. Auch sehr bewundernswert finde ich, wie wenig Rassismus herrscht. Die verschiedenen Abstammungen haben sich seit der Revolution total gut vermischt und leben sehr friedlich miteinander. Auch habe ich noch nie eine vergleichbar grosse Stadt wie Havanna gesehen, welche so sicher ist. Man kann sich sowohl als Einheimischer wie auch als Tourist überall unbekümmert bewegen, sogar in der Nacht. Wirklich beeindruckend und sehr angenehm. 

 

Kuba und Internet

Kuba steckt bezüglich Internet noch in den Kinderschuhen. In keinem anderen Land war es so schwierig zu Internet zu kommen wie hier. Da muss man Karten mit Zeitguthaben kaufen (pro Stunde ca. 1.- CHF!). Danach sucht man sich einen Ort, wo öffentliches Wifi angeboten wird (meist in Parks oder Hotels), und loggt sich dann mittels Zahlencode der Karte ein. Falls das Loggin klappt, ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Dazu kommt, dass für viele Websites der Zugang aus diesem Land gesperrt ist. Entsprechend ist es eher mühsam, hier irgendetwas per Internet organisieren zu wollen (oder z.B. eine Website aktuell zu halten). Kein ideales Land also für den Abschluss einer langen Reise.

 

Kuba und die Zukunft?

Kuba ist ein Land voller Gegensätze und es hat keine leichte Zukunft vor sich. Es ist eine Gratwanderung zwischen den Versuchungen des Kapitalismus und dem starken Gemeinschaftssinn des Sozialismus. Unsere Lehrerin hat es sehr treffend ausgedrückt: «Cuba tiene que cambiar, sin perder la esencia.» (Kuba muss sich verändern, ohne die Essenz zu verlieren). Und das wünsche ich Kuba für die Zukunft. 

 

Ab nach Hause

Nachdem wir bei der Ausreise unser GPS wieder zurück bekamen – natürlich gegen eine Gebühr – flogen wir nach eineinhalb spannenden Jahren wieder nach Hause. 
Damals in Kolumbien in der Sprachschule hatten wir nur die Zeitform des Präsens, also der Gegenwart, gelernt. Somit könnte man symbolisch sagen, dass wir die ganze Zeit über nur in der Gegenwart gesprochen und gelebt haben. Wir genossen den Augenblick, ohne nach vorne oder hinten zu schauen. Doch nun, zum Abschluss, haben wir in der Sprachschule noch die Zukunfts- und die Vergangenheitsformen gelernt. Und somit sind wir hoffentlich gerüstet, das Erlebte zu verarbeiten und uns der Zukunft zu stellen.
Also ab nach Hause!

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