Lebensfreude in Dezibel

von | 30. September 2018

Was die Boxen hergeben!

Ich habe ja schon mal von den nächtlichen «Lautstärken» in Südamerika geschrieben (siehe «auf den Hund gekommen…»). Das war übrigens auch in Peru – und nun ist es nochmals soweit. Obwohl uns das nachfolgend beschriebene Phänomen eigentlich schon in Brasilien verfolgte und sogar mehr Verbreitung fand als hier. Doch die peruanische Bevölkerung in Puerto Maldonado, so nah an der Grenze zu Brasilien, hat gewisse Ähnlichkeiten mit ihrem Nachbarn. Ich schreibe diese Zeilen gerade um 3.30 Uhr in der Nacht, während mich die Dezibel aus der Ferne wachhalten und Hifi vor sich hin murmelt: «Alles Arschlöcher!»

Also in Brasilien geht das so: Man fahre mit dem Auto irgendwohin, stelle es möglichst an einem Ort ab, wo sich Leute aufhalten (egal ob nur drei Nasen oder eine Volksversammlung oder ein Overlander der schlafen will, und egal ob schon Musik läuft oder nicht), öffne die Autotüren und lasse die Musikboxen dröhnen, was sie hergeben. Wer sich besonders hervortun will, baut eine ganze Stereoanlage mit mehreren Boxen hinten auf den Pickup, um auch ja genügend Lautstärke zu präsentieren. Ob man sich dabei noch unterhalten kann oder einen Ohrenschaden kriegt, scheint nicht wichtig zu sein.

An Wochenenden kann man durch die abgelegensten Gegenden in Brasilien fahren, die Musik zeigt einem schon Kilometer im Voraus an, wo Menschen leben. In jedem Dorf hat es mindestens an jeder Ein- und Ausfahrtsstrasse ein Musikboxenauto. Und warum nicht auch noch mitten drin, so dass auch jede Werkstatt und jede Beiz seine eigenen Dezibel hat? Denn es reicht meistens nicht, mit einem Auto die ganze Umgebung zu beschallen. Nein nein, das wäre ja langweilig. So richtig Spass macht es erst, wenn sich mindestens zwei Autos ein Battle liefern. So nach dem Motto; Wer hat den längeren… äh, oder eben wer hat mehr Power?! Und dabei ist es nicht etwa so, dass unterschiedliche Musik gespielt würde. Nein, es sind selbstverständlich immer die gleichen drei-vier Hits, welche man irgendwann nicht mehr hören kann.

Nun, in Peru können die Boxen noch nicht so ganz mit denen in Brasilien mithalten. Das hindert sie jedoch nicht daran, es zumindest zu versuchen. Und da lässt sich bestimmt irgendwo jemanden finden, der dann genug Dezibel liefern kann, um bis am Morgen früh die halbe Stadt zu beschallen – am liebsten vom Sonntag auf den Montag, damit man auch frisch in die Woche starten kann! Und zwar so laut, dass man das Gefühl hat, direkt mit dem Ohr neben den Boxen zu liegen.

Da muss ich schon sagen, dass ich mir in diesen Momenten unsere Regeln und Gesetze zuhause lobe. Manche von euch mögen sich nun denken, ich sei wohl doch langsam etwas alt und bünzlig geworden. Das mag auch sein. Doch denen sag ich einfach nur: Fahrt nach Südamerika und erlebe die pure Lebensfreude. Doch packt zur Sicherheit Ohrenstöpsel mit ein, die habe ich nämlich vergessen.

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